Bericht von der Lesung: Erik Olin Wright: „Untergraben wir den Kapitalismus!“

Lesungsabende und Diskussion:

Mittwoch, 20. Dezember 2017, 19 Uhr
Mittwoch, 24. Januar 2018, 19 Uhr
Mittwoch, 28. Februar 2018, 19 Uhr

Text der Lesung: Erik Olin Wright: „Untergraben wir den Kapitalismus! Wie die Linke utopisch und realistisch zugleich sein kann!“, erschienen in: „Blätter für deutsche und internationaler Politik“, Heft 10/2017 bei: Blätter Verlagsgesellschaft mbH Berlin. Nutzung mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung der Redaktion.

Teil 1: Bericht vom 20. Dezember 2017

Am Abend des 20. Dezember fand in kleiner Runde mit hoch motivierten TeilnehmerInnen der erste Lesungsabend des Textes von Erik Olin Wright: „Untergraben wir den Kapitalismus!“ mit anschließender Diskussion statt.

In einer Einleitung ging Klaus Kunkel zunächst auf den gesellschaftspolitischen Hintergrund ein, in dem der Text erschienen ist: Er beschrieb das Unbehagen bezüglich des zunehmenden Nationalismus und Rassismus sowie der Fremdenfeindlichkeit in weiten Teilen der Gesellschaft. In vielen Staaten, wie in Ungarn, Polen, Österreich und den USA, werde Nationalismus zunehmend zur Staatsdoktrin erhoben und schließe dabei neofaschistische Tendenzen ein. Gleichzeitig übernähmen Staaten mit gemäßigten sozialdemokratischen Parteien in der Regierung die Parolen von rechtsextremen Strömungen. Damit verbunden seien Beseitigungen und Einschränkungen von demokratischen Rechten, wie der Versammlungsfreiheit, sowie erweiterte Befugnisse für Polizeibehörden. Doch was hat zu diesen Entwicklungen geführt?

Kunkel führte die TeilnehmerInnen zunächst in die Zeit des Zerfalls des Warschauer Paktes und der Sowjetunion ein. Ein wesentlicher Einschnitt sei der Zugang zu neuen Rohstoffvorkommen und Absatzmärkten für multinationale Konzerne und mittelständige Unternehmen gewesen. Ganze Volkswirtschaften seien nach kapitalistischen Prinzipien umgewandelt worden, so auch in den ehemaligen Ostblockstaaten. China habe sich zur verlängerten Werkbank von Industriestaaten entwickelt.

Kunkel verwies auf die Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschaft auch in Europa, wie etwa die Arbeitsmarktderegulierungen in Zusammenhang mit der Agenda 2010 in Deutschland oder die Auswirkungen von New Labour unter Tony Blair in Großbritannien. Er behandelte am Beispiel der IG Metall die Entmachtung und Korrumpierung der Gewerkschaften, die dazu geführt habe, dass diese sich nicht mehr um prekäre Arbeitsverhältnisse kümmerten, sondern nur noch die Ansprüche kleinerer Stammbelegschaften verträten.

Im neoliberalen Wirtschaftsmodell steige der Bedarf zur Ausbeutung von Rohstoffen, was wiederum Verteilungskriege, zum Teil stellvertretend geführt von regionalen Rebellengruppen, und Wanderungsbewegungen hervorrufe und dabei Umweltzerstörung und Klimawandel weiter befeuere. Gleichzeitig träten neue globale staatliche und private multinationale Spieler in Aktion, was den kapitalistischen Wettbewerb verschärfe. Das Ergebnis, so Kunkel, seien periodisch auftretende kapitalistische Krisen, auch in Zusammenhang mit dem durch die Digitalisierung verschärften Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit.

Das Fazit sei, dass der Kapitalismus weder für die Umwelt noch für Menschen eine tragfähige Zukunft biete. Globalisierungsverlierer und jene, die Angst vor dem sozioökonomischen Abstieg hätten, seien empfänglich für nationalistische und neofaschistische Propaganda.

Doch was tun?

Die Linke verfüge nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus – einschließlich der auch dort praktizierten Umweltkatastrophen – mit ihren Ideen zu einer sozialistischen und solidarischen Gesellschaft für viele Menschen nur über ein wenig attraktives Alternativmodell. Die Linke befinde sich gleichzeitig in dem Dilemma, dass sie sich zwar in der Einschätzung der Situation bezüglich der Ausgrenzung und Gefahren in kapitalistischen Gesellschaften relativ einig sei, sich dabei jedoch verstärkt im punktuellen Kampf zur Abfederung der gröbsten Verfehlungen aufreibe, ohne eine mobilisierende Vision für eine insgesamt bessere Welt aufweisen zu können. Oder, wie Kunkel als Bonmot ausführte, um die Stimmungslage zu beschreiben: „Gott ist tot, Marx ist tot und mir ist auch schon ganz schlecht.“ Unter diesen Umständen sei gesamtgesellschaftlich keine revolutionäre Stimmung mit linken Visionen zu erwarten.

In diesem skizzierten Gesamtszenario seien in den 1990er Jahren dritte Wege in Erscheinung getreten, von denen der amerikanische Soziologieprofessor und Präsident der soziologischen Vereinigung in den USA, Erik Olin Wright, mit den „Realen Utopien“ einen Zweig vertrete, der hier in den Lesungsabenden auch im Hinblick auf dessen Erfolgsversprechen und Chancen der Umsetzung vorgestellt und diskutiert wird.

Nach der Einführung las Mark Pollmann Textpassagen aus den ersten Seiten des Artikels vor. Anschließend entwickelte sich eine rege Diskussionsrunde, aus der an dieser Stelle nur einige Stichworte genannt seien:

  • die Rolle der Sozialdemokratie als stützendes Element des Kapitalismus in den 1960er Jahren
  • die Absatzkrise 1966 und die mit den Sozialdemokraten eingeführten Notstandsgesetze bei den Klassenkämpfen
  • Freiheitsgedanken bei der Ausreise aus der DDR
  • frühe Einbindung anfangs sozialistisch / genossenschaftlich wirtschaftender Zweige in das kapitalistische globalisierte Wirtschaftssystem (als Fallbeispiele: REWE, Konsum-Genossenschaften und Raiffeisenbanken)
  • zentraler Begriff: Eigentum der Produktionsmittel und die Rolle der Justiz als Teil des Staatsapparates
  • sogenannte „faschistische Faszination“ in Teilen von Polizei, Militär und Justiz
  • mangelnde Aufarbeitung des Faschismus in Deutschland als Grund dafür, dass diese Tendenzen auch hier wieder aufbrechen
  • Expansion des Kapitalismus: Das Denken begrenzt sich insbesondere im deutschen Raum auch auf akademischer Ebene der Wirtschafts-, Politik und Sozialwissenschaften innerhalb eines kranken Systems, das scheinbar alternativlos erscheint.

Nach dem ersten Lesungsabend erreichte uns eine schriftliche Reaktion aus dem TeilnehmerInnenkreis, die wir hier gerne einfügen:

Politische Bildung. Das hatte ich mir schon seit längerem gewünscht.
Oft steht man in der politischen Informationsflut und findet sich gar nicht mehr zurecht. Da kann nur Bildung helfen.

Mir haben die Arbeiterbildungsvereine schon lange imponiert. Arbeiter, die sich nach schwerer Arbeit mit Kollegen treffen und gemeinsam Marx lesen oder auch Sprachen lernen und Sport treiben. Ohne diese Arbeit, die Menschen neben der Lohnarbeit leisteten, gäbe es kein proletarisches Klassenbewusstsein. Da liegt es doch nahe, sich gemeinsam Inhalte zu erarbeiten, sich der Situation unserer Gesellschaft wieder bewusst zu werden.

Und nun haben wir unser erstes Thema. Eines das sehr interessant ist. Denn was machen wir denn, wenn der Kapitalismus abgeschafft wird? Eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Vielleicht wird sich das nach unserer Veranstaltung ändern.“

Der zweite Teil des Lesungsabends folgt am Mittwoch, dem 24. Januar, der dritte Teil am Mittwoch, dem 28. Februar, jeweils um 19 Uhr. Hierzu sind auch neue TeilnehmerInnen sehr herzlich eingeladen.

Unterstützer_in

Harald Beck, Entwicklungsingenieur
Stuttgart muss sich neu aufstellen. Ich sehe akuten Handlungsbedarf bei Umweltschutz, Energiewende und Verkehrspolitik. So leben, dass Zukunft bleibt!Harald Beck, Entwicklungsingenieur

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