Johanna Tiarks und Monika Kneer 17.11.2017: „Menschenwürdig pflegen! Gedanken und Fakten zum Thema Pflege“

Am Freitag, dem 17. November 2017 fand im SÖS-Treff. für Politik und Kultur ein weiterer Themenabend im Rahmen unserer Reihe „Wohin entwickeln wir uns als Gesellschaft?“ statt.

Unter dem Titel „Menschenwürdig pflegen! Gedanken und Fakten zum Thema Pflege“ gestalteten Johanna Tiarks und Monika Kneer einen hochinteressanten Abend vor rund fünfunddreißig TeilnehmerInnen.

Im ersten Themenkomplex zu „Menschenwürde und Pflege“ stellte Monika Kneer zwei Sichtweisen auf die Menschenwürde vor: so gebe es zum einen die Mitgiftkonzeption, sie sei durch das Menschsein lebenslang mitgegeben und zum anderen die Leistungskonzeption – ihr zufolge entstehe Menschenwürde durch Amt und Würden und könne auch verloren gehen.

In Deutschland sei Artikel 1 GG „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ der Ausgangspunkt und das Leitbild für Konzeptionen einer würdigen Pflege, die auf internationaler Ebene im ICN(International Council of Nurses)-Ethikkodex für Pflegende (2012) zusammengefasst sind. So heißt es in einem Präambelauszug: „Untrennbar von Pflege ist die Achtung der Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf Leben, auf Würde und auf respektvolle Behandlung. Pflege wird mit Respekt und ohne Wertung des Alters, der Hautfarbe, des Glaubens, der Kultur, einer Behinderung oder Krankheit, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Nationalität, der politischen Einstellung, der ethnischen Zugehörigkeit oder des sozialen Status ausgeübt.“

Kneer leitete nach der Vorstellung und Kommentierung von acht Artikeln der Pflege-Charta zu einigen Grundproblemen über:

  • Pflege als eigenständige Disziplin sei lange als „Hilfsdisziplin der Medizin“ angesehen worden, werde mit weiblicher Arbeit in Verbindung gesetzt und die Qualifikation erfahre häufig eher Geringschätzung durch Berichterstattung, Medien und Politik.
  • Pflege erfordere sehr viel Wissen, Kreativität und Aufmerksamkeit. Pflege sei ein Spürberuf (durch Empathie und Sinneswahrnehmung) sowie ein Berührungsberuf (durch direkten Körperkontakt in der Privatsphäre eines Menschen, immer mit der Gefahr der Grenzverletzung).
  • Umgang mit dem unauflösbaren Widerspruch: Patientenorientierung als normativer Anspruch versus ökonomische Zwänge und Sicherung von Arbeitsabläufen mit der Gefahr des „Cool-out“ (moralische Desensibilisierung) in der Pflege.

Im zweiten Teil des Inputvortrages verglich Johanna Tiarks die von Kneer vorgestellten normativen Ansprüche anhand von Zahlen, Daten und Fakten mit der Wirklichkeit der Pflege in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die insgesamt hoch alarmierende und beunruhigende Situation in Deutschland, die Tiarks vorstellte, wurde mit einigen internationalen Vergleichen untermauert. Hier nur einige kurze Auszüge aus den Ausführungen Tiarks:

  • Der demographischer Wandel mit Überalterung der Gesellschaft bedinge: weniger Arbeitstätige bei gleichzeitigem Anstieg pflegebedürftiger Menschen von derzeit 2,9 Millionen in Deutschland auf 5,3 Millionen im Jahr 2050.
  • In deutschen Pflegeheimen sei nachts eine Pflegekraft für durchschnittlich 51,6 Bewohner durchschnittlich verantwortlich, von denen 40,3 zu versorgen seien – die Spitze liege bei über 100 BewohnerInnen pro Nacht und Kraft einschließlich dem Wechsel zwischen verschiedenen Häusern.
  • Auch bei den Ausgaben für die Altenpflege gehöre Deutschland im EU-Vergleich zu den Schlusslichtern.
  • Tagesfallpauschalen (Diagnosis Related Groups: DRG) führten dazu, dass Krankenhäuser ihre Patienten häufig „blutig“ entließen.
  • Der harte Wettbewerb zwischen den Kliniken auf Kosten der Gesundheit der PatientInnen sowie des Pflegepersonals führe zur Situation von „Monetik statt Ethik“ – das heißt, es gebe eine Tendenz zur Behandlung nach wirtschaftlichen statt primär medizinischen Gesichtspunkten.
  • Hinsichtlich des Pflegepersonalschlüssels sei Deutschland mit 1:13 Schlusslicht in der EU. Zum Vergleich: In Norwegen liege dieser Personalschlüssel bei 1:5,4 und in Irland bei 1:6,9.
  • Deshalb sei in Deutschland von Schäden bei Patienten auszugehen, zum Beispiel durch multiresistente Keime, da die Einhaltung vorgeschriebener Hygienestandards zum Zusammenbruch des Krankenhausalltages führe.
  • Auf den Zusammenhang zwischen Anzahl und Qualifikation von Pflegepersonal in Krankenhäusern und schweren gesundheitlichen Schädigungen wies Tiarks anhand von Studien hin: Bei einem Personalschlüssel von 1:4 könne davon ausgegangen werden, dass die Sterblichkeitsrate bei jedem Patienten mehr um 7% steige.
  • Die hohe Arbeitsverdichtung und sich weiter verschlechternde Personalschlüssel führten zu weit überdurchschnittlich hohen Arbeitsausfall-Tagen durch Krankheit: jährlich durchschnittlich 24,1 in der Altenpflege und 19,3 im Gesundheits- und Krankenpflegebereich.

Nach diesen alarmierenden Ausführungen zu eklatanten Mängeln in vielen Bereichen des deutschen Pflegewesens leiteten Johanna Tiarks und Monika Kneer in einem dritten teil ihres Vortrags zum Bereich von möglichen Lösungsansätzen über – und zwar aus Sicht der Berufsgruppe, aus gesellschaftlicher sowie aus politischer Perspektive:

  • Organisation in Berufsverbänden: Nur 5 bis 8,5% der in der Pflege Beschäftigten organisierten sich in Berufsverbänden, wodurch diese personell und finanziell schlecht ausgestattet und nur begrenzt handlungs- und konfliktfähig seien.
  • Pflegerische Versorgung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Wert der Pflege, Anforderungen (Versorgung, Qualität, Wirtschaftlichkeit, Weiterentwicklung), Umgang mit Alter, Krankheit, Behinderung, Gebrechen, Tod und Sterben
  • Netzwerkbildung: Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“ und Initiative „Care-Revolution“ sowie Patientenverbände werden als Beispiele genannt.
  • Politische Forderungen: ein Paradigmenwechsel in der Gesundheits- und Pflegepolitik mit einem an dem Bedarf ausgerichteten Gesundheitssystem und bedarfsgerechter Finanzierung sei notwendig, um die Negativspirale bei Qualität, Arbeitsbedingungen und Erreichbarkeit zu durchbrechen.
  • Statt Privatisierung und Gewinnmaximierung zurück zur öffentlichen Daseinsvorsorge mit größerem Engagement der Kommunen als Leistungsbringer.
  • Höhere Qualifizierung der Ausbildung, Verbesserung der Arbeitsbedingungen insbesondere durch Mehreinstellungen und Anpassung der Personalschlüssel.

Die pdf-Version des Vortrages finden Sie hier.

In der anschließenden ausführlichen, von den TeilnehmerInnen oft leidenschaftlich geführten Diskussion wurden unter anderen folgende Themenbereiche angesprochen:

  • Ausbildung von Pflegekräften: Es gebe die dreijährige Ausbildung zur Fachkraft sowie die ein-/zweijährige Ausbildung zur Hilfskraft. Viele junge Menschen begännen die Ausbildung hoch motiviert. Im Pflegealltag setze jedoch die große Ernüchterung ein beim Erleben der Diskrepanz zwischen Anspruch in der Ausbildung und Wirklichkeit im Pflegealltag, verbunden mit der Gefahr von Überlastung, körperlichen und psychischen Erkrankungen, Burn-out- und Cool-out-Syndromen für die Pflegenden.
  • Die Differenzierung in Pflegefachkräfte und Pflegehilfskräfte könne problematisch sein. Es bestehe insbesondere in der Altenpflege eine Tendenz, wie sie heute auf Baustellen gefühlt üblich sei: Eine ausgebildete Fachkraft leite die übrigen Teammitglieder, die nur eine kurze Ausbildung absolviert hätten, an. Es gebe eine Tendenz zur „Schmalspurausbildung“.
  • Problematisch im Gesundheitsbereich sei die Tendenz zur Funktionspflege (eine Arbeitskraft wiege, die andere wasche, die nächste messe den Blutdruck etc.) sowie zum Outsourcing: PatientInnen mit oft komplexen Fragestellungen unterschieden kaum zwischen Hilfs- und Pflegefachkraft. Sowohl bedarfsgerechte Betreuung als auch Teambildung werde erschwert.
  • Bezahlung: In der dreijährigen Ausbildung sei die Vergütung mit ca. 1.000 Euro monatlich im Vergleich relativ gut. Ausgebildete Pflegekräfte erhielten nach Tarif eine Vergütung ab 2.500 Euro im Monat. Problematisch sei, dass in der Altenpflege die Vergütung meist nicht an die Tarifabschlüsse angeglichen und dementsprechend die Vergütung oft sehr niedrig sei.
  • Aufgrund von Arbeitsverdichtung und hoher Arbeitsbelastung bei hoher Krankheitsrate arbeiteten die meisten Pflegefachkräfte nur bis zu 80 % aus Eigenschutzgründen. Zudem führten insbesondere in der Altenpflege Teilzeit, Krankheitsausfall und Versetzung auf andere Stationen zu einem hohen Personalwechsel, was für PatientInnen und BewohnerInnen einen hohen Stressfaktor bedeute. Es gebe zudem eine Tendenz zu „blutigen Entlassung“ durch die Fallpauschalen in Krankenhäusern und zur kontrollierten Verwahrlosung in Alten- und Pflegeheimen.
  • Eine Frage zielte auf den Einsatz von Pflegerobotern, die insbesondere in Japan bereits verwendet würden. Einen Einsatz solcher Maschinen in Deutschland schätzten die ReferentInnen in nächster Zeit als unwahrscheinlich ein. Technik kann gute Pflege unterstützen, aber nicht ersetzen.
  • Gesundheit werde mehr und mehr zu einem reinen Wirtschaftsfaktor in Deutschland: gelenkte Interessen, Privatisierung in Altenpflege und Gesundheitsdienst, Outsourcing, zunehmende Tendenz zu Gewinnmaximierung auf Kosten von Gesundheit und Bedürfnissen von PatientInnen und HeimbewohnerInnen sowie von Pflegekräften, hohe Stressbelastung mit Gefahr von Burn-out. Forderung nach Entprivatisierung, um Tendenz entgegen zu wirken, dass Pflege- und Gesundheitsbereich ähnlich an Gewinnmaximierung orientiert werde wie zum Beispiel die Automobilbranche.
  • Das Ziel müsse in den Branchen in Deutschland, in denen Menschen sich um Menschen kümmern, eine sogenannte „Care Revolution“ sein, um die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und die Bedingungen für PatientInnen, BewohnerInnen, KlientInnen zu verbessern – zum Beispiel über Interessensartikulation, über große, lang anhaltende Streikwellen, Massenkündigungen und starke mediale Auftritte. Doch diese notwendige Revolution werde derzeit noch konterkariert durch:
  • Mangelnde Organisierung und Interessenartikulation von Pflegekräften: Viele Pflegekräfte unterstützten das System von Ausbeutung und Gewinnmaximierung, in dem sie es (bis zur eigenen Erkrankung) erdulden (Stichwort: Helfersyndrom). In der Branche gebe es bisher nur unzureichende Tendenzen sich zu organisieren und politische Forderungen zu stellen. Insgesamt gebe es eine zu geringe Bereitschaft, Missstände klar anzusprechen aus Angst vor negativen Konsequenzen. In Deutschland sei die Berufsgruppe hinsichtlich Organisationsform und Vernetzung in Verbänden unterrepräsentiert und sich ihres potentiellen Einflusses kaum bewusst, wodurch die Interessensartikulation unterdurchschnittlich bleibe. In diesem Zusammenhang merkte ein Teilnehmer aus seiner Erfahrung in Umweltverbänden an, dass die Mitgliederanzahl in Verbänden sei die Währung für die Politik sei.

So endete dieser Themenabend in der Reihe „Wohin entwickeln wir uns als Gesellschaft?“ gegen 21:30 Uhr mit folgender Erkenntnis: In einem zunehmend auf reine Gewinnmaximierung orientierten kapitalistischen System, in dem sich Mechanismen von Ausbeutung und Elend für Mensch und Umwelt sektorenübergreifend wiederholen, ist ohne starke und wirksame Interessensorganisation, solidarisches Umdenken, standhafte und ungewöhnliche Aktionsformen auch im Bereich der Pflege keine Verbesserung für Beschäftigte und PatientInnen/BewohnerInnen zu erwarten.

Letztendlich müssen wir selbst aktiv werden und uns vernetzen. Wenn wir weiterhin primär auf Heil durch Politik, Behörden und Wirtschaft hoffen, fahren wir insgesamt den Karren voll gegen die Wand. Wir erreichen dann – bezogen auf unseren Themenabend – bei aller Leidenschaft und allem Idealismus letztendlich das genaue Gegenteil einer menschenwürdigen Pflege, die die beiden Referentinnen mit dem schönen Schlusszitat von Florence Nightingale folgendermaßen beschrieben: „Krankenpflege ist eine der schönsten Künste – fast hätte ich gesagt, die schönste aller Künste.“ Mögen diese Worte viele Menschen in unserem Land im Bewusstsein haben.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den beiden Referentinnen für den gelungenen Abend!

Zu den Personen:

Johanna Tiarks ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und studierte Pflegemanagement und Pflegewissenschaft an der HS Esslingen. Sie ist als Lehrerin in der Altenpflegeausbildung am Kolping Bildungswerk tätig und kandidierte als Bundestagskandidatin für die Linke im Wahlkreis Stuttgart I.

Monika Kneer ist Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Sie studierte Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der HS Esslingen und ist stellvertretende Leiterin am Pflege-Bildungszentrum an der Filderklinik. Sie ist stellvertretende Bezirksbeirätin für die SÖS in Stuttgart-Ost.

Links:

Quellen

Pflege Charta

care-revolution.org

Krankenhaus statt Fabrik

 

Unterstützer_in

Ingmar Grosch, Diplom-Physiker
Direkte Bürger­beteiligung ohne starren Partei­rahmen. Im eigenen Stadtteil kleine Verbes­serungen umsetzen. So bleibt Stuttgart lebenswert.Ingmar Grosch, Diplom-Physiker

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