Peter Hensinger: Das glaub ich nicht! Die Strahlung meines Smartphones soll gesundheitsschädlich sein? Was sagt die Forschung? Kann ich es ohne Risiken nutzen?

Peter Hensinger_2 20170504Vor rund 35 Interessierten sprach Peter Hensinger am 4. Mai im SÖS-Treff. für Politik und Kultur über die Gesundheitsrisiken der Mobilfunkstrahlung. Er zeigte Alternativen auf und erklärte, wie man sich vor Gefahren schützen kann.

Vorweg stellte Hensinger klar, dass er kein Mobilfunkgegner sei. Allerdings müsse man auch hier die Risiken minimieren, so wie man das ja auch in anderen Bereichen mache. Mobilfunkstrahlung sei elektromagnetische Strahlung und damit nichts Esoterisches, so Hensinger. Vielmehr gehöre sie zur Natur. Zur Überprüfung der Wirkungen von Strahlung auf den Menschen hätten wir ein eigenes Bundesamt, das Bundesamt für Strahlenschutz.

Das elektromagnetische Spektrum reiche von Gamma-, Röntgen- und UV-Strahlung über das sichtbare Licht, die Infrarot- und Mikrowellenstrahlung bis hin zu Radiowellen und Niederfrequenz. Elektromagnetische Felder – wie etwa das Licht – seien entscheidend für das Leben. Auch im menschlichen Körper laufe viel über elektromagnetische Felder ab. Man denke nur an die Herz- oder Gehirnströme oder auch an die Zellkommunikation.

Im Mikrowellenbereich gebe es allerdings kaum natürlich vorkommende Hintergrundstrahlung. Von der Natur sei dieser Frequenzbereich vielmehr den Zellvorgängen vorbehalten. Gerade diesen Bereich nutze aber die moderne Mobilfunkkommunikation: zum Beispiel Handys, Smartphones oder WLAN. Dadurch entstehe eine künstlich erzeugte Strahlung, die millionenfach über der natürlichen liege. Daher stelle sich die Frage, was dies im Menschen bewirke. Dazu werte die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation diagnose:funk regelmäßig die Forschungslage aus.

Bereits mehrere Studien hätten zum Beispiel gezeigt, dass die Mobilfunkstrahlung von Handymasten einen erheblichen Einfluss auf den Stresshaushalt beim Menschen habe und Beschwerden, wie etwa Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Depression oder Herz-Kreislauf-Beschwerden, auslösen könne. Es gebe auch immer mehr Studien, die zu dem Schluss kommen, dass das Krebsrisiko durch Mobilfunkstrahlung zum Teil erheblich steige. Außerdem habe eine Studie nachgewiesen, dass durch Handystrahlung sogar zwei Krebsarten des Nervensystems ausgelöst werden könnten. Hensinger verwies in diesem Zusammenhang auch auf ein aktuelles italienisches Gerichtsurteil. Danach muss eine Berufsunfähigkeitsversicherung einem Arbeiter, der als Folge der täglichen beruflichen Handynutzung an einem Hirntumor erkrankt ist, 500 Euro monatlich zahlen. Des Weiteren hätten einige Studien ergeben, dass Mobilfunkstrahlung alles schädigen könne, was mit Fruchtbarkeit und Reproduktion zu tun habe – also Hoden, Spermien, Eierstöcke und Embryos. Außerdem sei herausgefunden worden, dass durch Mobilfunkstrahlung die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger werde, was zu Schäden im Gehirn führen könne. Zudem verklumpe sie das Blut (Geldrolleneffekt). Letzteres könne zum Beispiel Kopfschmerzen verursachen. Als besonders gesundheitsschädlich gelten die elektromagnetischen WLAN-Felder. Schon weit unterhalb der Grenzwerte könnten diese Studien zufolge zu Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Spermienschädigungen und zu Krebs führen.

Diese Risiken seien durchaus bekannt. So stufe die Weltgesundheitsorganisation die Mobilfunkstrahlung als „möglicherweise krebserregend“ ein. Handyhersteller rieten in Gebrauchsanweisungen für Smartphones, die Geräte nur in 25 Millimeter Abstand vom Körper zu nutzen. Die US-amerikanische Federal Communications Commission empfehle bei der Nutzung von Laptops und Tablets sogar einen Abstand von 20 Zentimetern. Der Umweltausschuss des Europarates habe im Jahr 2011 ein Verbot von WLAN in Schulen gefordert. Die Österreichische Ärztekammer weise darauf hin, Handys nicht unmittelbar am Körper zu positionieren. Das sei besonders wichtig bei Schwangeren. Männer sollten Handys nicht in der Hosentasche tragen. Der Mobilfunkbetreiber Orange erkläre, dass man das Mobiltelefon nicht an den Bauch einer schwangeren Frau oder den Unterbauch von Jugendlichen halten solle. Und die Schweizer Rückversicherung Swiss Re habe die Mobilfunkstrahlung im Jahr 2013 in die höchste Risikokategorie eingestuft. Überhaupt gebe es nicht eine Rückversicherung, die Mobilfunkbetreiber versichere.

Die Behörden verwiesen dagegen immer nur darauf, dass die festgelegten Grenzwerte eingehalten würden. Doch diese sind Hensinger zufolge nicht brauchbar, da sie sich nur an der thermischen Wirkung orientieren. Über die nichtthermischen Risiken sagten sie nichts aus. Während der Grenzwert in Deutschland bei 10.000.000 µWatt/m2 liege, betrage er zum Beispiel in der Schweiz 100.000 µWatt/m2, in Italien 95.000 µWatt/m2 und in Belgien 24.000 µWatt/m2. „Die Grenzwerte schützen die Industrie und sind eine Ersatzhaftpflichtversicherung der Betreiber. Sie legitimieren die Untätigkeit von Regierung und Behörden und verhindern Klagen“, sagte Hensinger.

Sogar das Europaparlament habe 2009 festgestellt, dass die Grenzwerte veraltet seien und keine Vorsorgekomponente hätten. Sie berücksichtigten nicht die besondere Gefährdung von Schwangeren, Neugeborenen und Kindern. Auch der Europarat sehe die potentiellen Gefahren durch elektromagnetische Felder und fordere unter anderem eine Minimierung der Strahlenbelastung, die Aufklärung durch gezielte Informationskampagnen und strenge Regeln für Funk an Schulen. Doch Deutschland unternehme nichts. „Für die 50 Milliarden Euro Gebühren für die UMTS-Lizenzen hat der deutsche Staat im Jahr 2000 unsere Gesundheit verkauft“, resümiert Hensinger.

Um sich vor den Risiken zu schützen, schlägt Hensinger vor, das WLAN auszuschalten und stattdessen Kabel zu benutzen. Das sei jedoch immer schwieriger. So liefere die Telekom ihre neuen Router beispielsweise mit zwei WLANs aus. Eins davon sei für die Öffentlichkeit. Dieses könne man nicht so einfach ausschalten. Beim Telefonieren mit Handys sollte man einen gewissen Abstand vom Kopf zum Gerät einhalten oder Headsets nutzen, am besten mit akustischer Sprachübertragung. Hinsichtlich der schnurlosen DECT-Telefone riet Hensinger dazu, moderne strahlungsarme Öko-DECT-Geräte zu nutzen. Diese strahlten nur, wenn telefoniert werde.

Hensinger zeigte zum Schluss einige gesundheitsverträgliche Alternativen auf, durch die die Strahlenbelastung stark minimiert werden könnte. So könne man das von der Bundesregierung ursprünglich geplante „Miniwatt-Programm“ umsetzen. Dieses beruhe auf nur einem Mobilfunknetz. Heute gebe es stattdessen 14 parallel betriebene Mobilfunknetze mit der entsprechenden Strahlenbelastung. Auch durch einen optimalen Standort der Mobilfunkmasten sei eine Reduktion der Strahlenbelastung möglich. Eine weitere Alternative ist die Trennung von In- und Outdoorversorgung. Dazu gehöre der flächendeckende Ausbau der Breitbandversorgung mit Glasfaserkabeln. Im Haus könne man dann zum Beispiel über Femto-Zellen, also kleinen UMTS-Funkzellen, oder über die biologisch gut verträgliche VLC(Visible Light Communication)-Technik drahtlos kommunizieren. Bei der VLC-Technik werden Daten per Licht übertragen. Allerdings befinde sie sich noch in der Entwicklung. Die Stadt St. Gallen gehe mit dem Projekt „St. Gallen-Wireless“ mit gutem Beispiel voran. Dabei gebe es statt der großen Mobilfunkmasten nur noch ein Netz aus Kleinzellen. Dadurch sei nicht nur die Strahlenbelastung extrem verringert worden, man könne sogar besser telefonieren als vorher. Die Stadt Stuttgart habe ein solches Projekt für den Westen bewilligt. Leider ziehe sich die Umsetzung aber hin.

In der Diskussionsrunde im Anschluss des Vortrags wurde gefragt, was passieren müsse, dass das Bundesamt für Strahlenschutz etwas gegen die Gefahren unternehme? Laut Hensinger sei es in diesem Zusammenhang wichtig, dass man zum Beispiel die Ärzteverbände gewinne. Diese hätten großen Einfluss. Außerdem sollte man – insbesondere vor Wahlen – Politiker auf dieses Thema ansprechen. Auf die Frage, warum die angesprochenen Alternativen nicht umgesetzt würden, erklärte Hensinger, dass sich für die Wirtschaft erst die bisherige Technik bezahlt machen müsse, bevor sie auf neuere und bessere Technik umsteige. Im Zusammenhang mit einer Frage nach Elektrosensibilität hob Hensinger hervor, dass diese in Schweden als Behinderung anerkannt sei. Dort gebe es daher Räume und Gebiete, die strahlungsfrei seien. Ähnliches gelte für Frankreich. In Deutschland passiere in diese Richtung aber nichts. Denn sonst müsste die Regierung ja eingestehen, dass Mobilfunk Risiken berge.

Zur Person

Peter Hensinger M. A. studierte Pädagogik, Germanistik und Linguistik. Er war Gruppenleiter in einer psychiatrischen Einrichtung in Stuttgart. Bei der Umwelt- und Verbraucherorganisation diagnose:funk e. V. ist er Leiter des Ressorts „Wissenschaft“. Außerdem ist er aktiv bei SÖS und stellvertretender Kreisvorsitzender im BUND-Kreisverband Stuttgart.

Weiter Informationen:

diagnose:funk

mobilfunkstuttgart.de

EMF-Portal der RWTH Aachen

Unterstützer_in

Mark Pollmann, Dipl.-Geograf / Systemischer Berater
Für seine Vision muss der Mensch seinen Beitrag leisten, damit sie Wirklichkeit werden darf. Ohne diesen Einsatz wäre sie Illusion – und folgte damit dem Prinzip der Selbsttäuschung. Damit unsere Vision die Wirklichkeit beflügelt: WING – denn wählen ist einfach nicht genug!Mark Pollmann, Dipl.-Geograf / Systemischer Berater

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