Themenabend mit Peter Hensinger: Das Smartphone – mein personal Big Brother?

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„Hätte man 1980 den Bundesbürgern mitgeteilt, sie müssten ein Gerät tragen, das rund um die Uhr ihre Daten, Adressen, Aufenthaltsorte und Gespräche an den Staat und die Industrie übermittelt, es hätte einen Aufstand gegeben“, sagte Peter Hensinger im SÖS-Treff. für Politik und Kultur am 9. März vor mehr als 40 interessierten Zuhörern. Heute, so Hensinger, sei dieses Szenario Realität. Nahezu alle Deutschen seien inzwischen mit diesem Gerät – nämlich dem Smartphone – ausgerüstet. Allerdings gäben wir unsere Daten nicht gezwungener Maßen, sondern freiwillig an Google und Co. sowie an die Überwachungsorgane weiter.

Im Rahmen unserer Themenreihe: „Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?“ hielt Hensinger einen Vortrag mit dem Titel „Das Smartphone – mein personal Big Brother? Wie Big Data schleichend die Demokratie aushöhlt“. Darin ging er auf das Problem der zunehmenden Digitalisierung und des Datensammelns und -auswertens (Big Data) ein. Er stellte eindrücklich dar, welche Daten gesammelt werden, warum, von wem und mit welchen Folgen.

Der Handel mit Daten – dem „Gold des 21. Jahrhunderts“ – sei ein Milliardengeschäft, erklärte Hensinger. Smartphones und Tablets fungierten dabei als moderne Schürfwerkzeuge. Sie könnten so ziemlich alle Daten auslesen – etwa E-Mails, Kontakte, Einträge in soziale Netzwerke oder Anfragen bei Suchmaschinen wie Google. Alles werde in Echtzeit von dutzenden Firmen gespeichert und analysiert. Gesammelt würden beispielsweise Daten zur Gesundheit, zu Freunden, zu Schulbesuch und Ausbildung, zu Freizeit-, Sozial-, Konsum- und Zahlungsverhalten, zur Wohn- und Beschäftigungssituation, zu religiösen und politischen Zugehörigkeiten oder zur sexuellen Orientierung. Von jedem Nutzer werde damit ein sogenanntes 360-Grad-Personenprofil erstellt.

Diesen „digitalen Zwilling“ mache sich sowohl der Handel als auch Polizei und Geheimdienste sowie Versicherungen oder Personalchefs zunutze. Potentielle Arbeitgeber könnten beispielsweise Daten kaufen, um ihre Bewerberauswahl effizienter zu organisieren. Versicherungen könnten Prämien auf Grundlage von Daten über Sportarten, Fahrverhalten im Verkehr oder den Alkoholkonsum festlegen, den Versicherten kündigen oder sie erst gar nicht versichern. Der Handel nutze diese Daten, um den Konsum zu steigern. Konnte Werbung früher nur bestimmte Zielgruppen ansprechen, sei es durch den „gläsernen Konsumenten“ jetzt möglich, Einzelpersonen gezielt zu bewerben und zum sogenannten Hyperkonsum zu verleiten. Hyperkonsum bedeute nicht nur sinnlose Ressourcenvernichtung und die Beschleunigung der Klimakatastrophe, sondern auch eine Isolierung und Vereinzelung der Menschen. Der Egoismus werde gefördert, der Sinn für Gesellschaft, Gemeinschaft und Solidarität zersetzt. Die Empathiefähigkeit der Menschen lasse nach.

Ziel der Industrie sei die Datenerfassung bereits in der Kita und der Schule. So könne schon früh der gläserne Konsument erzogen werden. Die Bundesregierung plane gemeinsam mit der Industrie die „digitale Bildung“ in den Schulen, Kindergärten und Kitas. Smartphones und Tablets sollen dabei zu den Hauptlernmedien werden. Bei „digitaler Bildung“ gehe es vor allem um die Neuausrichtung des Erziehungssystems – nämlich um die Übernahme der Erziehung durch digitale Medien (Schule ohne Lehrer).

Hensinger wies darauf hin, dass sich die Smartphonenutzung bei Kindern besonders problematisch auswirke. Kinder könnten noch nicht zwischen Wirklichkeit und Virtualität trennen und besäßen noch kein abgeschlossenes Wertesystem. Außerdem könne eine zu frühe Nutzung digitaler Medien zu messbaren Störungen in der Reifung des Gehirns führen. Die Reizüberflutung überfordere Kinder massiv. Das könne eine lebenslang geminderte Lern- und Denkfähigkeit hervorrufen. Im Gegensatz zur Nutzung eines stationären PCs hätten Eltern überdies keinerlei Kontrolle über die Smartphonenutzung ihrer Kinder. Das sehe man daran, dass die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit dem Smartphone jugendgefährdende Seiten aufrufe. Das wirke sich traumatisch auf sie aus und führe zu Fehlvorstellungen und Beziehungsstörungen. Es fördere sexuelle Gewalt und berge ein hohes Suchtpotential.

Seit den Snowden-Enthüllungen sei bekannt, dass die Überwachung allgegenwärtig sei. Dieses Wissen setze sich im Unterbewusstsein der Menschen fest und bestimme ihr Handeln. Das führe zur Konformität, zur Selbstzensur und zum Verlust der Freiheit. Es komme zu einer schleichenden Entdemokratisierung. Dass der Weg in den digitalen Totalitarismus, in die smarte Diktatur, keine Apokalypse oder Verschwörungstheorie sei, zeige das Beispiel China. Dort werde mithilfe von Big Data ein Einwohnerbewertungssystem erstellt– der „Citizen Score“. Er werde zum Beispiel bei Kredit- oder Stellenvergaben genutzt. Auch im arabischen Frühling sei die digitale Totalüberwachung genutzt worden – mit tödlichen Folgen für Führungspersonen des Widerstandes.

Hensinger kritisierte scharf, dass die smarte Diktatur von allen Parteien akzeptiert werde. Auch die Linken und Grünen deckten diese Entdemokratisierung nicht öffentlichkeitswirksam auf.

Zur Frage, wie man sich schützen könne, führte Hensinger auf, dass man diese Entwicklung zunächst reflektieren müsse. Nur der aufgeklärte Verbraucher sei mündig. Es gebe zwar auch technische Möglichkeiten, die verhindern, dass Daten abgegriffen werden. Aber dies sei eine Scheinsicherheit, denn Sicherheitssysteme könnten auch geknackt werden. „Wir müssen von der Regierung einen Datenschutz fordern, der das Abgreifen von Daten verbietet vor allem auch bei Kindern und an Schulen“, sagte Hensinger. „Wir müssen klassische Werte verteidigen, den Schutz der Privatsphäre, das Recht auf das Geheimnis, auf das freie, unüberwachte Wort, als grundgesetzlich garantierte Rechte.“ Der Hype der digitalen Medien werde allerdings abebben, meinte Hensinger zuversichtlich, denn die Menschen wollen keine smarte Diktatur und deshalb sei die Entwicklung dazu nicht zwangsläufig.

Die an den Vortrag anschließende sehr rege Diskussionsrunde drehte sich vor allem um die Frage, wie man sich konkret schützen könne und was man als LehrerIn tun könne. Es wurde berichtet, dass die Schulkinder ihr Smartphone permanent nutzen würden. Für LehrerInnen sei dies ein echtes Problem. Die Gestaltungsfähigkeit der Hände lasse nach, die Unaufmerksamkeit wachse. Im Unterricht sei ein tiefes Eintauchen in Kreativität nicht mehr möglich. Die Kinder seien permanent abgelenkt und unter Stress.

Zur Person

Peter Hensinger M. A. studierte Pädagogik, Germanistik und Linguistik. Er war Gruppenleiter in einer psychiatrischen Einrichtung in Stuttgart. Bei der Umwelt- und Verbraucherorganisation diagnose:Funk e. V. ist er Leiter des Ressorts „Wissenschaft“. Außerdem ist er aktiv bei SÖS und stellvertretender Kreisvorsitzender im BUND-Kreisverband Stuttgart.

Vortrag von Peter Hensinger als PDF

 

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Christoph Reinstadler, Heilerziehungspfleger
SÖS ist für mich die Schnittstelle zwischen Rathaus und Bürger. Das ist für mich gelebte basis­orientierte Demokratie!Christoph Reinstadler, Heilerziehungspfleger

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