Themenabend mit Werner Sauerborn: S21 – alles schon gelaufen oder besser umsteigen?

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Im Rahmen der SÖS-Themenreihe „Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?“ fand am Donnerstag, dem 23. März 2017, vor rund 40 interessierten TeilnehmerInnen der Themenabend mit Werner Sauerborn statt: „S21 – alles schon gelaufen oder besser umsteigen?“. Dankenswerterweise ergänzte auch Klaus Gebhard als einer der Mitentwickler des alternativen Konzepts Umstieg 21 Sauerborns Ausführungen. Auch er stand in der anschließenden Diskussionsrunde für Fragen und Einschätzungen den TeilnehmerInnen zur Verfügung. Die Veranstaltung endete gegen 21:45 Uhr.

Sauerborn selbst war erst kurz vor Veranstaltungsbeginn aus Berlin zurückgekehrt und berichtete tagesaktuell von den Ereignissen rund um die Ernennung des neuen Bahnchefs Richard Lutz und über die von den Kopfbahnhofbefürwortern initiierten Veranstaltungen am 22. und 23. März in Berlin. Anschließend ging er in seinem Vortrag kurz auf das Alternativkonzept Umstieg 21 samt dessen Chancen der politischen Umsetzung ein.

In seinem Bericht über die Berliner Podiumsdiskussion von „Bahn für alle“ (das sogenannte r2g-Gespräch mit Franz Alt, Heiner Monheim sowie Vertretern der Linken, Grünen und SPD) am Abend des 22. März („Bahnkrise als Chance – BAHN frei für eine menschengerechte Mobilität“) zog Sauerborn eine insgesamt ernüchternde Bilanz: Der Grünen-Vertreter Matthias Gastel habe sich hinter Volksentscheid und der Vertragslage versteckt. Da das Umstiegskonzept eine Kopfbahnhoflösung sei, hielt er es für nicht umsetzbar. Die Äußerungen von Sören Bartol (SPD) zu dem Vortrag von Heiner Monheim (gemeinsame Bahnpolitik) hätten gezeigt, dass eine solche Bahnpolitik mit den Sozialdemokraten nicht machbar sei. Über S21 habe Bartol überhaupt nicht sprechen wollen.

Auch der neue Bahnchef Richard Lutz habe sich in der Bilanzpressekonferenz der
Bahn am 23. März „finster entschlossen“ gezeigt, den Kurs bei S21 beizubehalten und das Projekt zu Ende zu bauen. Eine Neuorientierung habe er abgelehnt.

Im Anschluss an die ausführliche Berichterstattung aus Berlin ging Sauerborn auf das Alternativkonzept Umstieg 21 ein. Kernpunkte des Konzepts:

  • Die Neubaustrecke wird von Tiefbahnhof getrennt. Sie wird in Wendlingen in die Bestandsstrecke eingeschleift und führt über Fils- und Neckartal zum Kopfbahnhof. Durch einen S-Bahn-Ringschluss könnten aus Richtung Ulm kommende Reisende in Wendlingen von dem ICE in die (Express-)S-Bahn zum Flughafen umsteigen.
  • Das Rosensteingelände darf aus mikroklimatischen Gründen (Belüftung für den Stuttgarter Kessel) nicht bebaut werden. Stattdessen könne sofort die C2-Baulogistikfläche am Nordbahnhof bebaut werden, wo derzeit Erdaushub des S21-Baus umgeschlagen wird.
  • Die Baugruben am Kopfbahnhof werden im Umstieg21-Konzept genutzt für Einrichtungen eines Parkdecks, eines Fahrradabstellplatzes und eines Busbahnhofs für schadstoffarme Busse. Nord- und Südflügel werden wieder errichtet mit Warteräumen, Cafés etc. Die 16 Gleise werden wieder in Richtung große Bahnhofshalle vorg
    ezogen (Bahnsteigebene). Der Kopfbahnhof wird mit einem Solardach ausgestattet. Der Park kann wiederhergestellt werden.

Eine genaue Vorstellung des Konzepts finden Sie auf:

http://www.umstieg-21.de/

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In seiner Beurteilung des Projekts S21 äußerte Sauerborn, dass im Gegensatz zu Elbphilharmonie, BER und Neubaustrecke Wendlingen-Ulm das Projekt S21 nicht nur mehr oder weniger schlecht investiertes Geld bedeute, sondern auch nach der Inbetriebnahme schädlich sei. Neben der Reduzierung der Kapazität gegenüber dem heutigen Kopfbahnhof gäbe es immaterielle Kosten und Risiken. So könne es durch Quellungen im Anhydrid bei Wasserkontakt zu ständigen kostenintensiven Baustellen im Tunnelsystem kommen mit entsprechenden Auswirkungen auf den Bahnverkehr, etwa durch Streckensperrungen. Weitere angesprochene Probleme: die erhebliche Gleis- und Bahnsteigneigungen, die Probleme beim Brandschutz sowie die Gefahr von Wasserstau und Überflutungen bei Extremwetterlagen. Auch die Gefahr terroristischer Anschläge sei zu erwähnen: Das Projekt mit dem Tiefbahnhof und den angegliederten Tunnelsystemen könne wie eine Einladung für Terroristen wirken, mit minimalem Aufwand maximale Wirkung zu erzielen. Infolge dieser Minusbilanz sei es widersinnig, soviel Geld zu investieren, was wiederum die Legitimität des Widerstandes gegen S21 begründe.

Innerhalb der Bewegung gegen S21 sei das Alternativkonzept Umstieg21 inzwischen sehr gut angenommen worden, erhalte viel positives Feedback sowie konzeptionelle Weiterentwicklungen, so Sauerborn. Bei einer internen Vorstellung des Umstieg21-Konzepts bei den Grünen sei dagegen kritisiert worden, dass es nicht alle Baustellen berücksichtige – etwa bereits gebohrte Tunnelabschnitte, erzählte er. Diesen Anspruch allerdings verfolge das größtenteils ehrenamtlich betriebene Alternativkonzept auch gar nicht, auch wenn Ideen für eine Tunnelnutzung inzwischen erarbeitet und diskutiert werden. Darunter: Lindenmuseum in die alte Eisenbahndirektion mit Tunneleingang als Archivfläche, Nutzung der Tunnel für die City-Logistik, als Lagerräume und vieles mehr. Klaus Gebhard brachte die Idee eines menschheitsgeschichtlichen Zeitreisentunnels in die Runde ein.

Außerhalb der Bewegung für den Kopfbahnhof interessierten die meisten Menschen die Probleme und Unwägbarkeiten bei S21 inzwischen nicht mehr besonders. Die enormen Zerstörungen und Baustellen im Stadtgebiet entfalteten ihre starke, entmutigende Wirkung im Bewusstsein der Bevölkerung hin zu der Haltung, dass S21 inzwischen als alternativlos hingenommen werde. Das sei durchaus auch so strategisch von Projektbetreiberseite gewollt. Gleichzeitig habe allerdings die repräsentative Umfrage von Infratest dimap vom 14. Februar 2017 ergeben, dass 63 Prozent der Befragten dafür seien, das Umstiegskonzept ernsthaft zu prüfen – darunter auch mehrheitlich Tiefbahnhofbefürworter. Dies könne damit erklärt werden, dass das Projekt samt seiner Probleme insgesamt wenig Vertrauen genieße; ja in seiner Realisierung unsicher erscheine. Gewünscht werde offensichtlich mit Umstieg21 einen Plan B für alle Fälle zu entwickeln.

In der dem Vortrag anschließenden regen Frage- und Diskussionsrunde nach der Pause wurde vorgeschlagen, die SPD im Wahlkampf auch bei Stuttgart 21 mit der von Martin Schulz getätigten Aussage zu konfrontieren, dass Fehler eingestanden und korrigiert werden könnten. Angeregt wurde zudem, die Kosteneinsparungen durch das Alternativkonzept „Umstieg 21“ stärker herauszustreichen und die Öffentlichkeit noch intensiver über die von den S21-Projektbetreibern getätigten Unwahrheiten und Täuschungen aufzuklären. Im Mittelpunkt der Diskussion stand das hinter S21 stehende „turbokapitalistische System“, welches diese Art von unsinnigen Projekten erst hervorbringe. Dieses System sei tiefgründiger zu hinterfragen, wurde gefordert.

Auch die Kombilösung aus Kopf- und Tiefbahnhof wurde thematisiert. Die Ablehnung dieser Option begründete Klaus Gebhard unter anderem mit dem auch für die Kombilösung zwingenden Bau des Fildertunnels als heikelsten Abschnitt des Gesamtprojektes. Dieser führe unter dicht bebauten Gebieten hindurch und durch anhydridhaltige Gesteinsformationen. Gebhard zitierte einen SWR-Bericht vom 22. März, wonach in einem Haus in Degerloch bereits Risse aufgetreten seien, obwohl der Tunnel an dieser Stelle 130 Meter unter der Erdoberfläche verlaufe. Er selbst habe aus diesem Grunde gar nicht mit Schäden an dieser Stelle gerechnet. Gleichzeitig kritisierte Gebhard die enormen Steigungen im Fildertunnel.

Wir danken Werner Sauerborn und Klaus Gebhard für die Gestaltung dieses interessanten, wenn auch in der politischen Einschätzung hin zu einer Alternative zu Stuttgart 21, nicht immer ermutigenden Abends. Anzumerken sei noch der Hinweis auf eine Veranstaltung im Forum 3 am 24. April, wo es thematisch um die strategische Weiterorientierung der Bürgerbewegung gegen S21 gehen wird.

Zur Person:

Werner Sauerborn ist Geschäftsführer des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Er war Vorstandssekretär beim verdi-Landesbezirk, engagiert sich bei den GewerkschafterInnen gegen S21und verfasst regelmäßig Rundmails mit Einschätzungen und Infos zum Thema Stuttgart 21. Zusammen mit Bernd Riexinger ist von ihm 2004 als Taschenbuch erschienen: Gewerkschaften in der Globalisierungsfalle: Vorwärts zu den Wurzeln (2004). Sauerborn hat zusammen mit Klaus Gebhard, Norbert Bongartz und Peter Dübbers das alternative Konzept Umstieg21 entwickelt.

Unterstützer_in

Harald Beck, Entwicklungsingenieur
Stuttgart muss sich neu aufstellen. Ich sehe akuten Handlungsbedarf bei Umweltschutz, Energiewende und Verkehrspolitik. So leben, dass Zukunft bleibt!Harald Beck, Entwicklungsingenieur

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