Wolfgang Hänisch 12.07.2017: Industrie 4.0 – Was bringt uns die „vierte industrielle Revolution“?

Industrie40_3Es waren höchst interessante Informationen, die Wolfgang Hänisch am 12. Juli im SÖS-Treff. für Politik und Kultur den rund 30 aufmerksamen Zuhörern in seinem Vortrag zum Thema Industrie 4.0 präsentierte. Wie er darstellte, ist das Label 4.0 nichts weiter als ein Marketingbegriff. Dieser solle – in Anlehnung an die im Digitaljargon übliche Schreibweise für neue Versionen (etwa Web 2.0) – dem jeweiligen Produkt den Anschein von Fortschritt verleihen. Bei der Industrie 4.0 stehe dieses Anhängsel für eine angebliche vierte industrielle Revolution – also nach der Mechanisierung im 19. Jahrhundert (erste industrielle Revolution), der Massenfertigung mit Hilfe von Fließbändern und elektrischer Energie (zweite industrielle Revolution) und dem Einsatz von Elektronik und IT zur Automatisierung der Produktion (dritte industrielle Revolution). Hänisch zeigte allerdings auf, dass der Begriff industrielle Revolution von Karl Marx geprägt wurde und den Durchbruch der kapitalistischen Großproduktion und als wesentliches Ergebnis die Herausbildung der beiden Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft, Bourgeoisie und Proletariat, bezeichnete. Seine Verwendung im Zusammenhang mit der profitorientierten Weiterentwicklung der Produktivkräfte sei deshalb irreführend.

Vorangetrieben werde diese „vierte industrielle Revolution“ in Deutschland von der „Plattform Industrie 4.0“. Deren Hauptbetreiber seien der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und die koordinierenden Bundesministerien, vertreten durch Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries und Forschungsministerin Johanna Wanka.

Weitere führende Köpfe der „Plattform Industrie 4.0“ seien Siemens-Vorstand Roland Busch, SAP-Vorstand Bernd Leukert und Telekom-Vorstand Reinhard Clemens – als Vertreter der drei größten deutschen Technologiekonzerne – sowie Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Ex-Vorstandvorsitzender der Firma Festo Eberhard Veit für den VDMA, Stefan Hartung von Bosch, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft Raimund Neugebauer und Jörg Hoffmann für die Industriegewerkschaft Metall.

„Im Gegensatz zum klassischen Lobbyismus wird hier ein engmaschiges Netzwerk zwischen staatlichen Stellen, Konzernen und Forschungseinrichtungen geknüpft“, sagte Hänisch. Diese Plattform sei ein Musterbeispiel dessen, was man staatsmonopolistischen Kapitalismus nennt. Ähnliche Plattformen gebe es auch in anderen Ländern, zum Beispiel das amerikanische „Industrial Internet Consortium“, das chinesische Programm „Made in China 2025“ oder die französische „Industrie du future“.

Herzstück der Industrie 4.0 seien, so Hänisch, die sogenannten cyber-physikalischen Systeme. Das seien Systeme, die physische Komponenten, wie etwa Maschinen, autonom interagieren ließen. Das heiße, Maschinen erhielten die Fähigkeit zur Interaktion, Selbstanalyse, Selbstkonfiguration und damit zur Eigenoptimierung. Menschliche Arbeitskräfte brauche man dadurch kaum noch oder gar nicht mehr. Dabei würden aber nicht nur die „minderqualifizierten“ Produktionsarbeiter überflüssig, sondern fast der gesamte „betriebliche Mittelbau“.

Eine Folge der Digitalisierung sei daher eine massive Arbeitslosigkeit. So prognostiziere eine Studie der Oxford-Universität, dass durch die Digitalisierung 47 Prozent aller Arbeitsplätze akut bedroht seien und 700 Berufe im Produktions- und Dienstleistungssektor in den nächsten zehn bis 20 Jahren verschwinden würden. Nach Berechnungen der London School of Economics und der Bank ING Diba seien durch die Digitalisierung in Deutschland sogar bis zu 59 Prozent aller Arbeitsplätze gefährdet, also rund 18 Millionen Arbeitsplätze. Weitere wesentliche Auswirkungen der Digitalisierung für die Beschäftigten seien die grenzenlose Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort, die totale Überwachung, die Verschärfung der Ausbeutung durch Erhöhung der Arbeitsintensität, die weitere Prekarisierung bisher gesicherter Arbeitsverhältnisse und steigende gesundheitliche Belastungen.

Auch auf die Umwelt habe die „Industrie 4.0“ erhebliche Auswirkungen, erläuterte Hänisch. So habe der IT-bedingte Stromverbrauch hierzulande schon 2007 10,5 Prozent des gesamten Stromverbrauchs betragen. Bis 2025 soll er sich verfünffachen. Laut dem Ökoinstitut Freiburg hätten die weltweiten CO2-Emissionen der Informations- und Kommunikationstechnik bereits im Jahr 2015 das Niveau der Emissionen aus dem Flugverkehr erreicht.

Natürlich gebe es durchaus auch positive Aspekte der Digitalisierung, betonte Hänisch. So könne man dadurch zum Beispiel komplizierte Entsorgungsfragen wie bei der Bewältigung des Atommüllerbes menschenfreundlicher durchführen. Um diese positiven Möglichkeiten aber nachhaltig nutzen zu können, sei ein grundlegender Paradigmenwechsel nötig, der zu einem grundsätzlichen Wandel aller Leitlinien der Produktions-, Denk-, Arbeits- und Lebensweise sowie der wissenschaftlichen Tätigkeit führen müsste. Man bräuchte also einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, durch den die heutigen Propagandisten von

„Industrie 4.0“ in Konzernen, Regierungen und Gewerkschaftsführungen entmachtet würden.
Hinsichtlich der Elektromobilität und des autonomen Fahrens erklärte Hänisch, dass dadurch vor allem der schadstoffreiche Individualverkehr zementiert werde. Auch der Hinweis, dass durch Elektroautos der CO2-Ausstoß gesenkt werde, sei lediglich eine Greenwashing-Legende, solange der Strom nicht regenerativ erzeugt werde. Weder der Umweltschutz noch die Verkehrssicherheit seien die tatsächlichen Motive für die Entwicklung dieser Technologien, sondern die Profitmaximierung.

So sei vor allem die Logistikbranche und Fahrdienstvermittler am autonomen Fahren interessiert, könnten sie doch dadurch massiv Personalkosten einsparen und die „lästigen Unzulänglichkeiten“ des menschlichen Fahrers, wie Ermüdung, eliminieren. Hinzu komme, dass durch die massive Einführung der individuellen E-Mobilität die Autoindustrie in ihrer heutigen Form verschwinde – ein Elektroauto bestehe aus deutlich weniger Teilen als ein PKW mit Verbrennungsmotor, deren Fertigung sei zudem radikal anders und lasse sich sehr viel einfacher automatisieren. Außerdem gebe es bereits seit Jahrzehnten ein umfassendes System der Elektromobilität, man denke nur an die Eisenbahnen, S- und U-Bahnen, die schon jetzt einen Großteil des Personen- und Güterverkehrs mit Hilfe von Elektroantrieben bewältigten. „Aber dieser Art von Elektromobilität soll der Garaus gemacht werden: Mit Streckenstillegungen, Vernachlässigung der Infrastruktur, Personalabbau wird der Bahnverkehr heruntergewirtschaftet, um der Elektromobilität auf der Straße Platz zu machen“, sagte Hänisch.

Zur Frage, was die Gewerkschaften gegen diese Entwicklung unternähmen, erklärte Hänisch, dass zumindest die IG-Metall bislang auf aktive Zusammenarbeit von Betriebsräten, Gewerkschaften und Arbeitgebern setzen würde. So habe Constanze Kurz – im IG-Metall-Vorstand zuständig für das Projekt Industrie 4.0 und von Anfang an im Arbeitskreis Industrie 4.0 der Bundesregierung – den Beirat „Zukunft der Arbeit“ gegründet. Hier aber säßen, so Hänisch, Fachleute der Kapitalistenverbände und berieten die Gewerkschaftsführung über ihre Politik zu Industrie 4.0. Man könne sich daher leicht vorstellen, welche Ratschläge diese Industriefachleute den Gewerkschaften geben. Statt die Industrie 4.0 an die Beschäftigten anzupassen, sollen die Beschäftigten mit Qualifizierung und Weiterbildung an die Industrie 4.0 angepasst werden. Ob die Beschäftigten überhaupt unter solchen Bedingungen arbeiten wollen, stehe gar nicht zur Debatte.

Zum Schluss betonte Wolfgang Hänisch, dass die Industrie 4.0 kein isoliertes „Fabrikproblem“ sei. Vielmehr habe sie weitreichende Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesundheit und die Bürgerrechte. Sie sei damit ein gesellschaftliches Problem. Daher sei ein punktuelles Bündnis von Arbeiter-, Umwelt- und Bürgerrechtsbewegung wünschenswert.

Vollständiger Vortrag von Wolfgang Hänisch als PDF (Link zu angehängtem PDF)

In der sehr regen Diskussionsrunde erklärte Hänisch nochmal, dass Digitalisierung durchaus Positives bewirken könne, wenn diese nicht Arbeitsplätze ersetze, sondern zum Nutzen der Arbeitnehmer eingesetzt würde. Zusammengefasst könne man sagen, nicht die Computer nehmen die Arbeit weg, das Problem sei deren profitorientierter Einsatz. Weiterhin stellte er richtig, dass die derzeit unter Industrie 4.0 firmierenden Veränderungen in der Produktion zum größten Teil die Anwendung von Technologien bezeichnet, die schon zehn Jahre oder älter sind und deren Einsatz in anderen Bereichen schon länger gang und gäbe ist. Die Einführung der cyber-physikalischen Systeme als technologischer Kern der Industrie 4.0 stehe noch bevor.
Ein Zuhörer war dagegen der Ansicht, dass die Digitalisierung seiner eigenen Erfahrung nach kein Jobkiller sei, sondern vielmehr neue Arbeitsplätze schaffe und man dadurch eine Vollbeschäftigung in Deutschland erreichen werde. Die Produktion werde aus dem Ausland wieder zurückgeholt. Er sehe diese Entwicklung also sehr positiv. Dem wurde entgegengehalten, dass die neu geschaffenen Arbeitsplätze andere Fähigkeiten voraussetzen würden. Sehr viele davon seien außerdem prekäre Arbeitsplätze, die staatlich aufgestockt werden müssten. Außerdem müsse man berücksichtigen, dass die Produktivität in Deutschland in den letzten Jahren kaum angewachsen sei. Damit noch Gewinne möglich seien, müssten Arbeitskosten gespart werden. Hinzu komme, dass die durch die billige Produktion bei Industrie 4.0 verursachte Überproduktion hierzulande nur durch Massenexporte aufgefangen werde könne. Das aber werde andere Märkte zerstören. Das „Krepieren anderer“ werde billigend in Kauf genommen.

In der Diskussion wurde außerdem darauf hingewiesen, dass Technik per se nicht negativ sei, aber ihre eigene Gesetzlichkeit habe. Ihr Einsatz werde letztlich von der Konkurrenz gesteuert. Ein Unternehmen, das diese Technik nicht einsetze, könne schlichtweg nicht so billig produzieren. Diese Entwicklung können man daher nicht aufhalten. Hinzu komme, dass die Digitalisierung nicht nur auf die Produktion beschränkt sei, sondern auch in anderen Bereichen Einzug halten werde – vom Gesundheits- und Pflegebereich über den landwirtschaftlichen Bereich bis hin zu Schulen, wo Lehrer durch Computer ersetzt würden. Daher sei die Frage doch eher, was man machen könne, wovon man dann lebe und wie der Gewinn verteilt werde. Wahrscheinlich sei, dass das Grundeinkommen eingeführt werde. Außerdem werde eine Arbeitszeitverkürzung auf 20 bis 30 Stunden notwendig.

Ein Zuhörer meinte, dass diese Ansätze nicht ausreichten. Die Frage sei doch vielmehr, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Denn das neoliberale Denken werde zunehmen, es würden neue Machtstrukturen entstehen, die Demokratie werde schließlich am Ende sein. Zwar werde Industrie 4.0 derzeit medial sehr verbreitet, dass sie aber auch eine gesellschaftliche Komponente habe, müsse noch mehr in die Öffentlichkeit getragen werden. Darüber sollten wir hier einen Themenabend machen.

Über Wolfgang Hänisch:
Wolfgang Hänisch arbeitete nach einer Ausbildung als Werkzeugmacher 44 Jahre in verschiedenen Betrieben der Metallindustrie in der Region Stuttgart – zuletzt 27 Jahre bei einem namhaften Automobilzulieferer. In dieser Zeit war er politisch und gewerkschaftlich aktiv und übte verschiedene gewerkschaftliche Funktionen aus.

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Dr. Annette Ohme-Reinicke, Dozentin
Der Gemeinderat soll wieder – dazu wurde er eingerichtet – zu einem Ort werden, wo Bürger öffentlich Rat über das Gemeinwohl halten, unabhängig von mehrheits- und machtversessenen Parteipolitikern am Gängelband lokaler Industrien. Denken wir gemeinsam parteifrei weiter: SÖS!Dr. Annette Ohme-Reinicke, Dozentin

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