Verkehrter Verkehr
Wo die Menschen leben, wie sie sich versorgen, wo und in welchen Ein- richtungen sie arbeiten, wie sie wohin kommen – all das steht in Beziehung zueinander. Ansiedlungen von Wohnen und Arbeiten sowie die dazu nötigen Versorgungseinrichtungen und Verkehrswege bilden die technische, räumliche und soziale Infrastruktur einer Region, eines Landes.
Diese Infrastruktur verändert sich mit den Entwicklungen der Produktions- und Konsum-bedürfnisse. Gleichzeitig erlaubt die Entwicklung der Infrastruktur wie z.B. die Beschleunigung der Verkehrsmittel und -trassen neue Produktions- und Konsumbedürfnisse. Beide bedingen sich gegenseitig, und die Entwicklung beider stehen in unserer Gesellschaft unter dem Leitbild der Gewinnmaximierung und der zunehmenden Akkumulation von Kapital.
Heute geht alles noch schneller, höher, weiter. Die Produktion hat sich verändert, die Produzenten und Märkte befinden sich rund um den Globus.
Durch die “Just in time”-Produktion sind die Straßen zu Warenlagern geworden. Die Verkehrswege und Verkehrsmittel sind schneller geworden. Das hat Folgen: Zerschneidung von Landschaften und Ökosphären, Lärm, Feinstaub, Stickoxyde, CO2 etc. Aber auch Zersiedelung, internationale “Arbeitsteilung”, lange Transportwege für u.a. einfache Produkte, Zerstörung von Stadt und Landschaft. Stuttgart ist das beste Beispiel dafür. Stuttgart, die Autostadt.Die Verkehrsmittel (Auto, Eisenbahn, Flieger) und die Verkehrswege, Straßen z.B., sind schneller, leistungsfähiger und damit profitabler geworden durch Ausbau, Neubau, Umgehungsstraßen, während gleichzeitig das Schienennetz für den Güterverkehr zurück gebaut wurde. Unsere Landschaften und Städte wurden “zubituminiert” mit breiten, schnellen Straßen. So wurde die Tallängsachse im Stuttgarter Zentrum nach Angabe der Chefetage von Daimler dimensioniert, um die Werke in Untertürkheim und Sindelfingen optimal zu verbinden.
Weil wir schneller sind, fahren wir weitere Wege, nimmt der “Verkehr” zu. Das hat uns selbst als Arbeitnehmer (ohne Auto komme ich nicht zur Arbeit), als Konsumenten (Markt auf der “grünen Wiese” plus Tiefkühltruhe), als Menschen (soziale Kontakte nur noch aus dem Auto heraus) verändert. Und vor allem hat es unser Wohnumfeld, unsere Stadt brutal verändert. Straßen, ach was, die ganze Stadt ist ein Autoabstellplatz, Plätze sind stinkende Verkehrskreuzungen geworden.
Was muss sich ändern, damit Stuttgart eine Stadt mit gleichzeitig hoher Mobilität (= der Fähigkeit, alle notwendigen Ziele angenehm zu erreichen) und hoher Lebensqualität wird?
Der Faktor, der ursächlich zu den Fehl- entwicklungen heutiger Verkehrs- und Stadtplanungen geführt hat, muss korrigiert werden. Wir lehnen eine Stadtentwicklung, die unsere Stadt nur nach den Rendite-Interessen der Investoren und Unternehmen umbaut und dabei alle Verkehrswege schneller und leistungsfähiger macht, ab. Unser verkehrspolitisches Leitbild ist die “Entschleunigung”.
Der “Verkehr” muss wieder “entschleunigt”, muss wieder langsamer und weniger werden. Dies gilt vor allem für den motorisierten Individual- Verkehr, aber auch ein alleiniger Ausbau des Öffentlichen Personen Nahverkehrs (ÖPNV) ohne deutliche Behinderung des Kfz-Verkehrs ist kontraproduktiv, da dadurch sowohl der ÖPNV wächst, aber eben auch der Kfz-Verkehr zunimmt.
Wir dagegen wollen, dass durch Ent- schleunigung, gekoppelt mit der Entwicklung regionaler Wirtschafts- und Konsumkreisläufe, lange Entfernungen, die heute als “normal” gelten, vermieden werden, da sie sich dann nicht mehr betriebswirtschaftlich rechnen (siehe auch Themenblatt Stadtentwicklung).
Wir wollen die Stadt der kurzen Wege, d.h. die Räume, die “erschlossen” werden können, schrumpfen wieder. Die notwendigen Ziele müssen wieder näher beieinander angesiedelt werden, die Infrastruktur wird wieder kleinteiliger, die Nahversorgung ist fußläufig und/oder mit dem Fahrrad erreichbar.



