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Sandkastenspiele oder “Politik wird nicht auf der Strasse gemacht”

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So ein allgemeines Gefühl, dass in unserer Welt nicht alles mit rechten Dingen zugeht, konnte man schon als Kind all abendlich in der Tagesschau erleben. Aber die Eltern waren es, die einem die Angst nahmen und erklärten, dass es in diesem ganzen Chaos eben auch um das ganz persönliche eigene Verhalten, ja sogar um das eigene Eingreifen in die Umwelt geht. Aber die Erkenntnis, dass es immer um den eigenen Hintern geht und darum, ob man ihn hochkriegt kam erst durch die Rollschuhe. Ja Rollschuhe, denn direkt vor dem Haus, in dem wir wohnten, hatte die Strasse ein Gefälle, das geradezu danach schrie mit unseren Rollschuhen unsicher gemacht zu werden. Sie war das Territorium der größeren Kids vor denen man Angst haben musste, weil die vor nichts Angst hatten. Dummerweise geht so etwas meistens nicht gut. Während unsere Rollschuhe also zu Hause verstaubten fuhr einer dieser Furchtlosen damit direkt in den Tot. Der Autofahrer an der nächsten Querstrasse konnte nicht mehr bremsen. Die gesamte Nachbarschaft war schockiert.
In unserem Viertel gab es so etwas wie eine Bürgerinitiative, die im Sommer immer diese tollen Feste organisierten, bei denen einmal im Jahr die Straße uns Kindern gehörte. Es war immer ein Spaß die Autos, die uns dann trotz offizieller Anordnung beim spielen hinderten, mit Klopapier einzuwickeln. Was natürlich nicht allen Nachbarn so viel Spaß machte wie uns, aber das waren eh die gleichen, die sich auch über unsere bunten Kreidebilder auf dem grauen Asphalt aufregten. Dank dieser gesunden Nachbarschaft hat es also nicht lange gedauert, bis wir auf Rollschuhen -und diesmal gemeinsam mit den Großen- vors Stuttgarter Rathaus zogen, um für mehr Sicherheit für uns Kinder zu demonstrieren. Nachbarn rückten zusammen und trafen sich nun, um Pläne zu schmieden.
Direkt an der Kreuzung, an der “Fuzzi” umkam, hausten ein paar Architekturstudenten, die keinen Arbeitsraum an der Uni gefunden hatten. Sie zeichneten die Pläne für unsere Ideen. Das mit den Plänen leuchtet mir ein, vor allem, weil da auch plötzlich Bilder eines Spielplatzes direkt vor unserem Haus waren. Auch wenn man bald darauf in der Querstrasse und vor unserem Haus nur noch Tempo 30 fahren durfte, ging es uns schon um mehr. Große Pläne wurden geschmiedet und wir Kids waren mitten drin. Was die Bedürfnisse von uns Kindern anging, waren wir sozusagen die Experten und die Erwachsenen hörten uns geduldig zu.
Die Erfahrung dass es auch ganz andere Erwachsene gibt, folgte unmittelbar.
Ich erinnere mich noch genau, wie stolz ich in der vierten Klasse war, dass ich im Rahmen eines Kinderfestes mit anderen Kindern zu einer Gesprächsrunde mit der Frau Bürgermeisterin eingeladen war. Ich hatte einen Plan: Eigentlich ist die Kreuzung direkt nach der “Fuzzi” Kreuzung -wenn man nicht gerade Rollschuh fährt- viel gefährlicher, weil dort auch die Straßenbahn fährt. Diese Straßenbahn war ganz lustig, wenn wir von ihr 1 Pfennigstücke platt gewalzt haben wollten, aber eigentlich bedrohte sie, nachdem keiner von uns mehr Rollschuhfahren wollte, unseren täglichen Weg in den großen Park.
Als ich nun einem Kumpel mein selbst gezeichnetes Bild einer Brücke zeigte, sagte dieser -und ich werde es nie vergessen-: “Mann, regt dich ab, die machen eh, was sie wollen.” Ich konnte dass nicht glauben. Dummerweise erinnere ich mich nicht mehr, was die Bürgermeisterin zu meinem Plan sagte. Sicher ist nur, dass die Straßenbahn erst noch zwei Kinder überfahren musste, bis die Stadt Geländer aufstellte, die Fußgänger davon abhielt, direkt über die Schienen zu gehen. Vielleicht waren wir auch einfach nur zu jung, um das verstehen zu können. Na ja, älter wurden wir von ganz alleine…

Inzwischen hatte die Stadt in unserer Straße ein paar Bäume pflanzen lassen und auf Kosten von ein paar Parkplätzen einen Kunstrasen verlegt. Das war schon irgendwie ein Erfolg, vor allem, weil wir uns gegen die Initiative “mein Papi braucht auch einen Parkplatz” durchgesetzt hatten. Freilich, dem neuen Sandkasten war ich schon entwachsen, aber oft merkt man gar nicht, dass man schon wieder mitten in einem viel größeren Sandkasten sitzt.

Eine neue geniale Spielwiese tat sich für mich auf, als ich nun ins Gymnasium kam. So viele junge, noch nicht festgefahrene und mit höheren Argumenten, wie “ist ja alles schön, aber es ist halt leider kein Geld dafür da” bewaffnete Menschen auf einem Haufen. Was für ein Potenzial, um die Welt aus den Angeln zu heben. Ja, es ging nicht mehr um den Sandkasten, sondern es war die Welt, die wir verändern wollten. Aber erst hatten wir noch einiges an Lehrgeld zu bezahlen. Ich spüre noch genau, was für eine Euphorie herrschte. Aus ganz Deutschland waren die Kinder zum “Natur–Weltkindergipfel” angereist. Und was für ein riesiger Rummel darum gemacht wurde, um uns Kinder für Politik zu begeistern. Das Problem war nur, dass sich herausstellte, dass wir was ganz anderes unter Politik verstanden als die Erwachsenen. Für uns war das damals ganz einfach, wenn Kohle und Atomstrom schlecht für die Welt sind, dann sollten wir so schnell wie möglich nur von Sonnenenergie leben. Drei Tage lang arbeiteten wir an unseren Forderungen und am Ende kam der Umweltminister und unterschrieb alles. Auch wenn uns das Gefühl gegeben wurde, wir hätten die Welt ein Stück besser gemacht -ganz so naiv waren wir doch nicht mehr. Steuergelder wurden immer noch lieber für Kriegsspielzeug ausgegeben und keines der Häuser die neu Gebaut wurden, konnte sich autark mit Energie versorgen, wie wir es gefordert hatten. Das Motto “wir haben nur eine Welt” hatte uns begeistert und jetzt lernten wir, dass zwischen dem, was wir für machbar hielten und dem, was die Erwachsenen machten, Welten lagen. Es kamen uns berechtigte Zweifel: hier wurde nicht gleichberechtigt miteinander umgegangen.
Als jetzt noch ein paar von uns auf einem der nachmittäglichen Vollversammlungen einen Berg Müll auf die Bühne schütteten, der -unschwer zu erkennen- von unseren Mittagslunchpaketen stammte, erinnerte ich mich wieder. Verdammt, wie hatte ich es überhaupt vergessen können, dass es in diesem ganzen Chaos der Welt immer auf das eigene Verhalten ankommt und darum ob man selber den Hintern hoch bekommt.
Trotz allen Frustes, wir hatten dazugelernt, so erhoben wir uns aus einem weiteren Sandkasten. Wenn die Erwachsen so festgefahren in ihren Interessenkonflikten sind, dann war für uns klar, es liegt jetzt an uns, auch wenn man sich dabei eine blutige Nase holt. Schon unser erster Versuch ging in die Hose: Der Stuttgarter Gemeinderat lehnte ohne großes Gehabe unseren Vorschlag ab, der vorsah, eine Art Kinderbüro mit geschulten Mitarbeitern einzurichten, um in Zukunft Kinder besser an der Planung in ihrem Stadtteil zu beteiligen. So hätten die Interessen der Kinder schon frühzeitig in der Planung berücksichtigt werden können.
Vielleicht war es genau diese Arroganz des Gemeinderates, die mich überredete ein Jahr später als Jugendrat zu kandidieren. Sicher, es ließe sich jetzt ewig über den Sinn von Jugendräten streiten, aber wirklich interessant ist das, was man persönlich aus so einer Veranstaltung mitnehmen kann. OK, dass wir es mit einer Alibiveranstaltung zu tun haben, das war von Anfang an so angelegt. Man muss sich nur mal die Rahmenbedingungen anschauen: Zwar gilt -unabhängig vom Pass-, dass alle 14-18 jährigen im Stadtteil die Jugendräte direkt wählen dürfen, was eigentlich ziemlich cool klingt, aber unsere Aufgabe war es dann, den nicht gewählten Bezirksbeirat zu beraten, der wiederum den Gemeinderat berät und dieser entscheidet dann. Das so keine ernst gemeinte Partizipation aussehen kann, ist klar. Jetzt durfte ich erfahren, wie schnell man in einer Situation mit mangelnder Außenwirkung beginnt, sich nur noch mit sich selber zu beschäftigen. Ich meine, während wir uns wichtig vorkamen -wir bekamen ja fast täglich Einladungen von den Parteien und Sitzungsgeld- hatte der Großteil der Jugendlichen uns nicht mal wahrgenommen. Die Analyse war schnell gezogen: wir hatten offensichtlich ein Vermittlungsproblem. Seit dieser Zeit hasse ich dieses Wort. Statt eine selbstbewusste Politik zu machen, die für gleichberechtigte Mitbestimmung kämpfte, starteten wir also eine Imagekampagne mit einer Party nach der anderen. Diese Parties sollten zeigen, wie toll wir doch waren, aber waren wir eigentlich gewählt um Parties zu veranstalten? Das Ergebnis war auf jeden Fall, dass nach zwei Jahren die Wahlbeteiligung von 11 auf 9 Prozent sank. Das Schlimmste daran war, dass viele von uns jetzt ernsthaft die Nase voll hatten und zwar von Politik allgemein. So lernte ich die formale Partizipation als Instrument kennen, um die zu legitimieren, die sowieso entscheiden und um die zu frustrieren, die andere Ideen haben. So mancher fand natürlich Gefallen an diesem Spiel und stand von nun an für die unersättlichen Jugendorganisationen der Parteien als Zukunftspotential zur Verfügung. Aber genau diese Absorption von gesellschaftlichen Kräften in die institutionellen Apparate der Parteien ist das Ende jeder lebendigen Partizipation.
Klar wurde mir das im Umgang der Parteien mit dem zarten Aufkeimen des “Lokalen Agenda Prozesses” in unserer Stadt. Die Lokalen Agenda Prozesse gingen vom Weltklimagipfel ´92 in Rio aus. Die Idee war, dass die Städte bürgerschaftliches Engagement fördern und verankern sollten, da man davon ausgehen kann, dass eine nachhaltige Entwicklung auch von den Bürgern getragen werden muss.
Von offiziell gewählter Seite wurde das bürgerschaftliche Engagement solange hochgehalten, wie es für sie harmlos war. Als die Bürger auf Ideen kamen, die denen der Repräsentanten widersprachen, war es aus mit den Nettigkeiten und es wurde erst mal der Geldhahn weiter zugedreht. Man durfte sich von den fett grinsenden Grimassen anhören: “Ja, zu was bin ich denn gewählt, wenn ihr plötzlich entscheiden wollt”. Die gewählte Repräsentanz saß das bürgerliche Aufbegehren einfach aus.
Dieses Verhalten wiederholte sich als die hohen Herren im Rathaus auf die Idee gekommen waren, unseren Bahnhof unter die Erde zu legen. Dadurch sollte Fläche für ein neues Stadtentwicklungspotential frei werden. Da das Projekt mehr kosten sollte, als die ganze Stadt pro Jahr ausgeben konnte, mussten die Bürger mit ins Boot. Dazu veranstaltete man ein paar große Auftaktrunden und dann wurden alle interessierten in Arbeitsgruppen entlassen und wir begannen, uns unsere schöne neue Stadt zu Recht zu spinnen. Wir scheuten uns nicht, grundsätzlich zu diskutieren und trotzdem konstruktiv miteinander umzugehen. Über mehrere Monate trafen wir uns, um unsere Gedanken weiter zu entwickeln und die Verwaltung protkollierte alles. Nach und nach wurde uns klar, wie wir unsere Stadt zu formulieren hatten. Dann stellten wir uns in einer Art Vollversammlung gegenseitig die Ergebnisse vor. Es war schon toll, diese ganzen interessierten Menschen auf einem Haufen zu erleben, die einem zuhören konnten und sich nicht zu schade waren, ihre eigenen Standpunkte abzuklopfen und weiter zu entwickeln. Zwei Wochen später -kurz bevor wir unsere Ergebnisse dem Gemeinderat vorstellen sollten- hatte die Stadtverwaltung schon anhand eines 3cm dicken Readers all unsere Vorschläge kommentiert. Klar, dass sich die Gedanken, die mir am wichtigsten schienen, im Teil der unrealistischen Vorschläge wiederfanden.
Vielleicht lag es daran, dass den Stadträten schon diese gedruckte Bewertung unserer Ideen vorlag, aber trotzdem war es erschreckend, wie wenige wirklich zuhörten, als wir ihnen dann in ihrer Sitzung unsere Ideen zur Diskussion stellten. Es war so, als ob ihr Diskussionsbedarf schon gedeckt sei und damit beendeten sie einfach unsere Diskussion, die wir vor mehren Monaten begonnen hatten. Sicher, man hatte ja seine Schuldigkeit als Politiker getan, man hatte den Bürgern zugehört. Was man zu tun hatte, war eh schon klar, schließlich war man ja vom Volk dazu gewählt. Doch wenn man jemanden zum Mitgestalten aufruft und dann seine Partizipation keine Wirkung zeigt, wird er nicht noch einmal so viel Herzblut in eine ähnliche Geschichte stecken. So kann einem seine eigene Stadt ganz schnell fremd werden. Mich wundert nur, dass es einigen immer noch unerklärlich scheint, dass zu Kommunalwahlen nicht mal mehr 50% der Wähler gehen.

Ich weiß nicht, warum ich nicht spätestens jetzt aufgab. Vielleicht weil es mir mehr Spaß macht aufmüpfig zu sein, als frustriert, aber sicher kommt es daher, weil ich nebenher positive Erfahrungen auf einer anderen Ebene der Partizipation machen durfte. Eine Ebene, die viel näher an den Menschen ist. Ein Ort, an dem eigentlich gar keine Mitbestimmung gefordert wird ist die Institution Schule. Jeder von uns weiß, dass es kaum etwas Formaleres und Machtloseres wie die SMV gibt. Das hieß aber für uns nicht, dass sie wirkungslos ist, denn wir legitimierten unsere Arbeit nicht durch irgendwelche Satzungen, sondern durch die Schüler direkt. Viele der Lehrer konnten nicht verstehen, wie uns die SMV-Regeln egal sein konnten, aber klar ist: das Ganze hat erst Spaß gemacht, als wir uns frech das nahmen, was wir wollten. Und wir rockten die Schule ganz schön. Unsere Schulsprecher wurden direkt in einer Vollversammlung aller Schüler und Schülerinnen gewählt. Keiner der Lehrer konnte das von sich behaupten.
Uns schien es wie ein schlechter Witz: die Schule als politikfreier Raum. Es war Politik, als wir im Foyer einen Dosenberg aller innerhalb eines Monats konsumierter Dosen aufschütteten, oder wie wir in Gasmasken Autos vor der Schule zählten und für einen neuen Radweg demonstrierten. Einmal stürmten wir mit Trillerpfeifen das Rathaus und machten solange Krach, bis wir mit dem Bürgermeister in aller Ruhe über die drohenden Kürzungen der Zuschüsse zur Schülerbeförderung diskutieren konnten.
Wir boykottierten mehrmals den Unterricht, um für die Lehrmittelfreiheit zu demonstrieren, und gerade, dass wir vom Ministerpräsidenten zu hören bekamen: “Politik wird doch nicht auf der Strasse gemacht” war unser Erfolg.
Wir machten einfach das, was uns recht schien. Diese Aufmüpfigkeit, dieser Ungehorsam – es war schon toll wenn man sich über den Rektor hinwegsetzte und wenn die Lehrer ans SMV-Zimmer klopften, nur, um uns zu bitten, doch nicht zu streiken. Wir spürten zum ersten Mal die eigene Wirkmächtigkeit und die der Gemeinschaft. Der zivile Ungehorsam wurde zu einem Lebensgefühl. Von nun an konnten wir nicht mehr ruhig sitzen bleiben, wenn uns etwas unrecht schien. Aufzustehen dagegen wurde zu einer inneren Selbstverständlichkeit. Angst vor Konsequenzen kannten wir schon lange nicht mehr. In all diesem alltäglichen Trott hatten wir ein Stück Freiheit gewonnen.
Wie viele Sandkästen es gibt wird einem erst klar wenn man an die Grenzen stößt. Es war im Unterricht: Ich wetterte mal wieder gegen unsere böse Konsumgesellschaft und die Pseudofreiheit, die wir glaubten in den großen Kaufhäusern unserer Fußgängerzone zu finden, als eine Klassenkameradin fast verzweifelt rief: “Lass uns doch unsere Königstraße”.
Ich verstummte. Dass ich mich noch heute daran erinnere liegt daran, dass mir hier das erste Mal klar wurde, dass Partizipation ein sozialer und ganz persönlicher Prozess ist. Jeder hat ein anderes Verhältnis zur Gemeinschaft und einen ganz eigenen Standpunkt. Dieser riesige bunte Haufen von Eigensinnigkeiten, der sich einfach nicht über einen Kamm scheren lässt, das machte von nun an die Faszination der demokratischen Gemeinschaft für mich aus. Egal wie gut meine Argumente waren, egal wie überzeugt ich war, ich konnte nicht verlangen, dass alle so denken und fühlen wie ich. Es ging plötzlich nicht mehr darum, klüger zu sein wie der andere, sondern darum, einen Rahmen zu schaffen in dem all unsere Differenzen zur Quelle neuer Ideen werden. Eine Gesellschaft, die sich entwickelt, in dem sie ständig unter Kritik aller dazulernt. Wenn die Utopie zum Prozess wird, sind es die kleinen Schritte, auf die es ankommt. Mein erster Schritt ist der Versuch, zum Querdenken zu verführen und zum Aufmüpfig-Sein zu begeistern. Das ist der Anfang. Die Lust am Mitgestalten unserer Welt muss jeder für sich selber entdecken. Dass uns, in unserer zukünftigen Rolle des Architekten als eine Art Geburtshelfer, eine besondere Verantwortung zukommt, ist klar. Wir sind es, die Träume in Bilder übersetzen, damit wir eine für alle verständliche Sprache sprechen um uns gemeinsam freuen und streiten zu können. Aber auch der nächste Schritt, aus Bildern baubare Pläne zu entwickeln ist Teil unserer Berufung. Noch heute können Architekten die Zündflamme in der immer umfassender werdenden Planungsmaschinerie sein. Die Idee, diese Flamme mit möglichst Vielen zu teilen vielleicht sogar sie mit ihnen zu entzünden, auch wenn sie keine Architekten sind, ist nicht einfach eine romantische Vorstellung, sondern sie ist zugleich eine Antwort auf die gesellschaftlichen Umwälzungen die unsere Rolle als Architekten vor neue Herausforderungen stellen. Die Vorstellung, dass Planung im stillen Kämmerlein gemacht werden kann scheitert immer mehr an der Komplexität einer globalisierten, endlichen Welt und an den ökonomischen Machtspielen. Bauen ist Ausdruck einer Gesellschaft und zugleich bildet es das Fundament für neue Ideen und ist so als Gemeinschaftsprojekt äußerst komplex. In der Teilnahme der Betroffenen an der Planung kann man aber nicht nur eine höhere Legitimation der Entscheidung sehen, sonder auch die Chance, dass wir über die Verbreiterung der “Expertenbasis” auf bessere, vielleicht auch unkonventionellere Lösungen kommen.
Dass wir Architekten den Menschen wieder den Spaß daran vermitteln, an der Gesellschaft in der wir leben, weiter zu denken, ist der erste Schritt unsere verkrusteten Planungsprozesse aufzubrechen.
Uns muss aber auch klar sein, dass ein nicht ernst gemeinter Beteiligungsprozess nach hinten losgehen kann. Die meisten institutionalisierten Beteiligungsprozesse haben kaum Einfluss auf die Entscheidungen und frustrieren die Teilnehmer durch die Tatsache, dass immer noch zu Wenige zu viel entscheiden, von dem sie keine Ahnung haben.
Wenn sich die Bürger emotional immer weiter von den Entscheidungsträgern entfernen wird die schöne Idee einer lebendigen Demokratie zur Witzveranstaltung.
Vielleicht muss es deswegen gerade darum gehen, dass wir neue Spielregen der Planung und Beteiligung entwerfen.

Hannes Rockenbauch

P.S. Inzwischen bin ich selber einer dieser Gewählten in unserer Stadt -wenn das mal nicht ein riesiger Sandkasten ist- aber eine Hoffnung bleibt, dass Politik in Zukunft auf der Straße gemacht wird.

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