Am 22. Juli 2015 verstarb Sabine. Der Krebs ist ein böser Geselle.

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Wir trauern um unsere langjährige Weggefährtin als Mensch, Mitstreiterin, Pressesprecherin und Mitglied des Koordinierungsteams. Sabine wird uns bei SÖS sehr fehlen.
Viele von uns waren auf der bewegenden und Hoffnung gebenden Abschiedsfeier am Mittwoch, den 29. Juli 2015, die geleitet wurde von Pfarrerin und Stadträtin Guntrun Müller-Enßlin.
Ihre Traueransprache möchten wir hier im Gedenken an Sabine beifügen.


Ansprache zur Trauerfeier für Sabine Rinck-Klaffke am 29.07.2015, gehalten von Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin

Wir müssen Abschied nehmen von Sabine.
Wer war Sabine?
Sabine war gerade heraus. Sie ist ihren Prinzipien immer treu geblieben. Sie war selbstbewusst und tapfer, eine Powerfrau, eine Löwenfrau. Sie hatte viele Freunde. So kannten wir sie, so habe ich sie selbst bei SÖS kennen und schätzen gelernt. 
Geboren ist Sabine in Ulm und dort mit ihren Geschwistern Suse und Klaus aufgewachsen. Danach Studium der Verwaltungswissen-schaften in Konstanz. Sie fand eine Stelle in Essen. In der Gewerkschaftsarbeit habt Ihr, lieber Jürgen, Du und Sabine, Euch kennen gelernt und Mitte der 90er Jahre in Schwerin geheiratet. Die Arbeit brachte Euch hierher nach Stuttgart.

Sabine war verletzlich. Sie war links vom Herzen her. Sie stürzte sich in die Arbeit für SÖS, machte dort Texte lesbar. Seit Sommer 2014 war sie Bezirksbeirätin in Stuttgart-Nord. Bestimmte politische Konstellationen konnten sie nicht kalt lassen; die Entwicklung in Griechenland nahm sie mit.

Sabine war zugleich lebensfroh und konnte genießen, sie liebte – gutes Essen, Frankreich, Shaun, das Schaf – weil Shaun so clever ist, Kunst und Malerei. Euer Besuch der großen Monet-Ausstellung in Frankfurt war ein letztes Highlight.

Sabine war lange Zeit stellvertretende Geschäftsführerin bei der AOK in Sindelfingen, dort hoch geschätzt und hoch gelobt, äußerst beliebt bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre Zugewandtheit und ihr offenes Ohr. Als die Bezirksdirektion in Sindelfingen aufgelöst wurde, wechselte sie nach Stuttgart in die Hauptverwaltung als Referatsleiterin; eine schwierige Zeit begann. Sabine dachte, sie muss da durch, sie suchte einen Weg, wo tragischerweise kein Weg war und sie sich nur durch Abstandnahme hätte retten können. Sie hat sich nichts erspart, auch da wo sie sich – im Rückblick – manches hätte schenken können und schenken sollen.

Die Krankheit von Sabine begann im Februar 2014 und verlief in mehreren Phasen. Zunächst war noch Hoffnung. Sabine absolvierte das ganze Programm, OP, Chemo. Im Spätsommer habt Ihr zusammen drei Wochen Urlaub in Albi in Südfrankreich gemacht, es war eine schöne Zeit mit der zaghaften Hoffnung, alles sei ausgestanden. Bei der Untersuchung im Dezember dann der Rückfall. Wiederum OP, danach – als deren Folge – Probleme mit dem Fuß, was Euch wochenlang den Nachtschlaf raubte. Auch das wurde wieder gut. Im April der nächste Schlag. Es folgte eine Zeit voll Auf und Ab mit verschiedenen Behandlungsversuchen in verschiedenen Kliniken, von denen am Ende nur die Möglichkeit blieb, zu lindern, um wenigstens ein Minimum an Lebensqualität für Sabine zu erhalten und wieder herzustellen. Am Montag eine letzte OP, damit sie wenigstens wieder essen könnte und nicht künstlich ernährt werden müsste. Am Dienstagmorgen habt Ihr noch mit Cola angestoßen, die sie trinken konnte, ein letzter kleiner Sieg. Dann versagte Sabines Körper seinen Dienst. In der Nacht zum Mittwoch ist Sabine gestorben.

Das, was von außen besehen wie ein Leidensweg aussieht, hatte durchaus eine zweite Seite, die diesem Weg seinen besonderen Stellenwert in Eurem gemeinsamen Leben, lieber Jürgen, gibt und ihn für Euch beide zu einer überaus wertvollen Erfahrung macht. Das letzte Vierteljahr von Sabines Krankheit mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen Herausforderungen, aber auch den Lichtblicken hat Euch beide in einer Weise miteinander verbunden und zusammen-geschweißt, wie es zwischen Menschen ein Ehering allein und wie es vielleicht auch die guten Zeiten des Lebens, die man miteinander teilt und genießt, nie vermögen. Du, lieber Jürgen, warst ganz für Sabine da in dieser letzten Zeit und sie hat sich geöffnet in einem vollkommenen Vertrauen, das vorher vielleicht kein ureigener Wesenszug von ihr war. Es ist eine paradoxe Erfahrung im Leben und mag es auch für Dich sein, dass die schwersten Zeiten manchmal zugleich die reichsten und fruchtbarsten sind, Zeiten, in denen sich das entfaltet und bewährt, was man Liebe nennt. Gerade auf dem Hintergrund schwerer und schwierigster Situationen erfährt man, was wirklich wichtig ist im Leben und einen trägt: absolute Verbindlichkeit und die zwischenmenschliche Wärme, die daraus erwächst.

Insofern kann ich gut nachvollziehen, dass die letzten Wochen mit Sabine für Dich eben gerade keine verlorene sondern eine auf besondere Art reiche und gefüllte Zeit war, etwas was auf keinen Fall verloren gehen darf, sondern – in Anführungszeichen – „gespeichert“ werden muss und gespeichert werden wird. Äußerungen von Sabine am letzten Tag ihres Lebens lassen vermuten, dass sie es genauso empfunden hat. Kurz vor ihrem Tod hat sie nämlich (sicher sehr betäubt von Schmerzmitteln und auf eine andere bestimmte Art doch völlig klar) an Dich, Jürgen, die Bitte gerichtet, dass alles „gespeichert“ werden müsse vom Leben von Euch beiden (im Sinn von Speichern auf dem Laptop oder PC). Das finde ich faszinierend und es hat mich, je länger ich in den letzten Tagen darüber nachgedacht habe, immer stärker fasziniert. Denn es war so etwas wie eine Kampfansage von Sabine an die wohl größte Angst im Leben von uns Menschen, dass der Tod so etwas ist wie die ultimative unwiederbringliche Löschtaste …

Sabine hat es nicht so gesehen. Sie war religiös. Bezüglich einer Perspektive über das irdische Leben hinaus hat sie einmal gesagt: Dann sehen wir uns im anderen Leben. Sie hatte eine Bewusstheit dafür, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als das, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen. Die Naturwissenschaften drücken diese Ahnung in den Begrifflichkeiten von Dimensionen aus, und sie zählen viel mehr als die vier, die unserem menschlichen Wahrnehmungssystem zugänglich sind. Ich bin überzeugt: Auf dem Hintergrund einer Wirklichkeit, die viel umfassender ist, als wir sie wahrnehmen, ist Sterben nicht das Ende all unseres Seins.

Der Tod ist nicht die Löschtaste, die alles ins Off schickt und wegmacht; nein, es ist nicht alles weg; weg ist es nur für unsere Augen und Ohren, für unsere begrenzte Wahrnehmung. Das was wir Sterben und Tod nennen, ist nach meiner Überzeugung vielmehr eine sich öffnende Tür, eine Tür  zu einer erweiterten entgrenzten Wirklichkeit, die wir aus menschlicher Perspektive nicht oder nur bruchstückhaft wahrnehmen können – nur manchmal – in den Träumen, bei einer Nahtoderfahrung oder bei sogenannten übersinnlichen Phänomenen. Diese Wirklichkeit ist da und weil sie so umfassend ist, hat sie zugleich den Charakter eines Speichers mit unendlichem Speicherpotential. Diese Wirklichkeit, die für mich sehr viel mit Licht zu tun hat – und zwar im ganz naturwissenschaftlichen Sinn – diese Wirklichkeit schließt sich um uns Lebende genauso herum, wie sie sich auch um Sabine und all unsere Verstorbenen herumschließt. Weil es für Lebende und Tote die gleiche eine Wirklichkeit ist, legt sich der Gedanke nahe, dass die Toten nicht weit weg sind von uns. Und weil es die gleiche eine Wirklichkeit ist, die alle umfasst, muss es so sein, dass nichts verloren geht, nichts gelöscht ist; sondern alles was uns jemals wichtig war, was uns getragen und verbunden hat, ist in dieser Wirklichkeit gespeichert, aufgehoben, abgelegt für die Ewigkeit und uns zugleich jederzeit zugänglich. Es bleibt, es stirbt niemals.

Ich stelle mir vor, dass sich Tote und Lebende schon jetzt in diesem unendlichen Speicher, in dieser Ablage für die Ewigkeit, in diesem Aufgehobensein für immer – treffen und begegnen können.
Und so ist, auch wenn gar nichts gut ist, am Ende doch alles gut. Amen.

Unterstützer_in

Ingmar Grosch, Diplom-Physiker
Direkte Bürger­beteiligung ohne starren Partei­rahmen. Im eigenen Stadtteil kleine Verbes­serungen umsetzen. So bleibt Stuttgart lebenswert.Ingmar Grosch, Diplom-Physiker

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