Jörg Schmid 27.10.2017: Atommüll – das „dreckige“ Erbe von EnBW und Co

Jörg Schmid 27.10.2017: Atommüll – das „dreckige“ Erbe von EnBW und Co

Am Freitag, dem 27. Oktober 2017 fand im SÖS-Treff. für Politik und Kultur ein weiterer Themenabend im Rahmen unserer Reihe „Wohin entwickeln wir uns als Gesellschaft“ statt. Der Arzt Dr. Jörg Schmid gestaltete eine Veranstaltung zum Thema „Atommüll – das dreckige Erbe von EnBW und Co“ vor rund fünfzehn TeilnehmerInnen.

In seiner Einleitung beschrieb Schmid Atommüll als Ewigkeitsproblem und die Geschichte der Atomindustrie als perspektivisch verklärend und verharmlosend. Er kritisierte die Privilegierung der Energiekonzerne zu Lasten der Gesundheit der Bevölkerung und der Umwelt sowie die gezielte Desinformation der BürgerInnen über die gesundheitlichen und sozialen Risiken – dies insbesondere in Zeiten, da mit dem sogenannten Atomausstieg der Bundesregierung das kritische Thema Atommüll aus der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion geraten sei.

Nach der Präsentation einer Karte mit den zahlreichen Atommüllstandorten in Deutschland (AKWs, Zwischenlager etc.) stellte Schmid eine Klassifizierung des anfallenden Atommülls vor und beschrieb ausführlich die aktuelle Situation auch bezüglich der Lagerung und Wiederverwertung:

  • Hochradioaktiver Atommüll (abgebrannte Brennelemente, Glaskokillen aus Wiederaufbereitungsanlagen): Endlagerfrage sei ungeklärt. Knapp 2000 Castorbehälter müssten endgelagert werden.
  • Schwach- und mittelradioaktiver Atommüll (Abfälle aus AKWs, Abfälle aus Asse und Urananreicherung): Geplante Lager seien ursprünglich Gorleben und Schacht Konrad gewesen. Es fehlten Lagerstätten von ca. 325.000 qm. Das von 1967 bis 1978 genutzte Zwischenlager Asse sei durch Wassereinsickerung havariert und habe das Gelände kontaminiert.
  • Gering radioaktive Abfälle (AKW-Rückbau): Obwohl gesundheitliche Schäden drohten, finde inzwischen keinerlei staatliche Überwachung mehr statt, da der (willkürlich atomindustriefreundlich) festgelegte Grenzwert von 10 μSv/a/P unterschritten werde. Das bedeutet: Diese strahlenden Stoffe könnten auf Mülldeponien gelagert und in Deutschland (als einzigem EU-Land!) zum Beispiel auch in Baumaterialien wiederverwendet. Darüber hinaus dürfen bei uns als einzigem EU-Land kontaminierte Metalle eingeschmolzen und recycelt werden.

Dr. Schmid nahm anschließend Bezug auf das im Rahmen des Atomausstiegs als Reaktion auf den Reaktorunfall in Fukushima im Juli 2013 gegründete BFE (Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit), welches den offiziellen Umgang mit Atommüll beschreibe (Stand Frühjahr 2017): Man sollte demnach „in einem wissenschaftsbasierten und transparenten Verfahren für die im Inland verursachten, insbesondere hoch radioaktiven Abfälle den Standort für eine Anlage zur Endlagerung […] zu finden, der die bestmögliche Sicherheit für einen Zeitraum von einer Million Jahren gewährleistet.“

Daraufhin verglich Schmid diese offizielle Version mit der tatsächlichen Situation. Die Endlager-Zeitdiskussion verbunden mit der absehbaren Situation, dass eine tatsächliche Endlagerung erst ab 2120 realistisch beginnen könne, führe zu Dauerzwischenlagerung, so Schmid. Bisherige Zwischenlager könnten jedoch keine Dauerzwischenlager sein. Problematisch dabei seien beispielsweise auslaufende oder fehlende Genehmigungen, möglicherweise undicht werdende Behälter, fehlender Terrorschutz oder fehlende heiße Zellen beim AKW-Rückbau.

Anschließend kritisierte Schmid den für die Atomindustrie durch gezielte Lobbyarbeit und unter Ausschluss der Öffentlichkeit viel zu niedrig ausgehandelten Preis von 23,4 Mrd. Euro für den Atomausstieg. Sämtliche darüber hinaus gehenden Kosten unter anderem für die Endlagerung seien von den SteuerzahlerInnen zu begleichen.

Seinen Vortrag setzte Schmid mit einigen Thesen und Schlussfolgerungen fort, die er diskutierte:

  • Atommüll in Zwischenlagern erfordere die dringliche Beschäftigung mit der Frage nach dem Verbleib der radioaktiven Abfallstoffe.
  • Eine wichtige zu fällende Entscheidung bezüglich des Atommülls sei in der Frage zu sehen. ob Atommüll dauerhaft verschlossen (abschließende Lösung in unserer Generation) oder durch künftige Generationen rückholbar (geordnete Rückgabe) gelagert werden solle.
  • man brauche zudem eine echte Bürgerbeteiligung als Voraussetzung für das Gelingen der Endlagersuche im gesellschaftlichen Konsens und als Kontrollfunktion der BürgerInnen. Die vom Standortauswahlgesetz (Stand-AG) vorgesehene Partizipation sehe keinerlei Mitbestimmung vor, lediglich eine empfehlende Funktion.

Mit einer Frage leitet Schmid den Vortrag in die Diskussionsrunde über: „Atommüll – können wir der Politik trotz bisherigem Umgang mit Atommüll, anhaltendem Einfluss der Energiekonzerne, mangelnder Rechte der BürgerInnen in der Frage nach der Sicherheit und der Generationengerechtigkeit vertrauen?“

Die pdf-Version des Vortrags von Dr. Jörg Schmid finden Sie hier.

In der anschließenden breit gefächerten Diskussionsrunde wurden unter anderem folgende Themen besprochen:

  • Es wird in Fachkreisen tatsächlich diskutiert, den Atommüll in den Weltraum zu schießen. Allein durch die Frage nach den Treibstoffmengen, die dafür nötig seien, erscheine eine Umsetzung aus heutiger Sicht unrealistisch.
  • Diskutiert wurde die dauerhafte „Entsorgung“ des globalen Atommülls auf großen Flächen in Australien – auch der russische Energiekonzern Gazprom setze sich dafür ein.
  • Es wurde auf die Gefahr durch jahrzehntelange Verklappung von Fässern mit Atommüll in den Weltmeeren, darunter auch im Ärmelkanal hingewiesen. Inzwischen drohten diese Fässer zu korrodieren/undicht zu werden. Dies sei eine unkalkulierbare Gefahr für Meere und Anrainergebiete.
  • Zu Hinterfragen sei auch unser eigener Größenwahn. Schmid benutzte in dem Zusammenhang den Begriff der „kollektiven Größenphantasie“, der sich im Glauben offenbare, alles sei technisch machbar und lösbar.
  • Kritisiert wurde auch die Grüne Realpolitik im Umgang mit dem Atommüll. Ihr wurde Intransparenz und mangelnde Beteiligung vorgeworfen, unter anderem auch am Fallbeispiel der Landesärztekammer. Diese war von Umweltminister Untersteller unter Druck gesetzt worden ihre Kritik an dem Umgang mit dem frei gemessenen gering-radioaktiven Müll nicht zu veröffentlichen.
  • Es gab auch Kritik an Deutschland, das es als einziges Land in Europa erlaubt, schwach radioaktives Material einzuschmelzen und zum Beispiel in Beton zu verbauen – eine Vorgehensweise, die auch für die Grünen kein Problem darzustellen scheint.
  • Diskutiert wurde auch eine breitgefächerte Kinderkrebsstudie, die die Leukämieraten im Umfeld von AKWs untersucht. Danach seien erhöhte Raten im Umfeld von 40 km nachweisbar, die in einem Umkreis von 5 km statistisch signifikant seien.
  • Mit dem Verbrennen von radioaktivem Material sei auch die Strahlung aus Schornsteinen eine Gefahrenquelle
  • Zwischenlager beispielsweise in ehemaligen Uranbergwerken finden sich auch in Kur- und Erholungsgebieten – so beispielsweise in Menzenschwand im Südschwarzwald. Die Gemeinde betreibt inzwischen seit zehn Jahren strahlende Radonbäder, die aus zwei Quellen im Krunkelbachtal gespeist werden und deren Wasser zu therapeutischen Zwecken eingesetzt wird. Beworben werden diese Bäder für zahlungswillige Kunden mit Slogans des Wellnessmarketings („Ein Stück „Heile Welt“ – die Radon Vital Therme in Menzenschwand!“).

Mehrmals wurde im Vortrag und in der anschließenden Diskussion darauf hingewiesen, dass nach dem sogenannten Atomausstieg der Bundesregierung die Problematik und die damit verbundenen Gefahren für Umwelt und Gesundheit viel zu wenig im Fokus der Öffentlichkeit stünden, wodurch hochproblematischen und untransparenten Entscheidungen Tür und Tor geöffnet seien.

Wir danken Jörg Schmid sehr herzlich für den hoch interessanten Themenabend!

Zur Person:

Der Arzt Dr. med Jörg Schmid engagiert sich in der AG Atomerbe Neckarwestheim sowie im AK Atomenergie der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Zuletzt beschäftigte er sich mit den Themen AKW-Rückbau sowie Freimessung/Wiederverwertung gering radioaktiven Abrissmülls.

Der Link auf die Homepage des IPPNW: https://www.ippnw.de/