Peter Hensinger: Trojanisches Pferd "Digitale Bildung": Wie Google, Apple und Microsoft die Bildung in die Hand nehmen.

Peter Hensinger: Trojanisches Pferd „Digitale Bildung“: Wie Google, Apple und Microsoft die Bildung in die Hand nehmen.

Am 15. Mai hielt Peter Hensinger seinen dritten Vortrag über digitale Medien im SÖS-Treff. für Politik und Kultur. Diesmal ging es um die Pläne der Bundesregierung zur „Digitalen Bildung“. Hensinger stellte dar, um was es sich dabei handelt, wer dahintersteckt, welche Ziele damit verfolgt werden und welche Auswirkungen die „Digitale Bildung“ auf Kinder und Jugendliche und damit auch auf die Gesellschaft hat. 25 Interessierte hatten sich eingefunden, um seinen Ausführungen zu lauschen.

Als erstes wies Hensinger darauf hin, dass die fortschreitende Digitalisierung bereits schon jetzt die Sozialisationsbedingungen für Kinder und Jugendliche verändert habe. Hensinger sieht insbesondere drei neue Sozialisationsbedingungen, die dadurch entstanden seien.

Die erste neue Sozialisationsbedingung sei die Aufhebung der Privatheit durch die permanente Überwachung (Stichwort: BigData). Der Schutz der Privatsphäre, die als Garant für eine individuelle Entwicklung gelte, sei in nahezu allen demokratischen Staaten ein Grundrecht. De facto gebe es sie aber nicht mehr, da Internetnutzer ihre Daten an Konzerne und den Staat weitergäben. Diese Überwachung zerfresse den freiheitlichen Geist, verhindere, schöpferisch zu sein, und konditioniere zur Konformität.

Peter Hensinger 20170515_1Die zweite neue Sozialisationsbedingung sei die Konditionierung der Kinder auf technische Geräte, wie das Smartphone oder das Tablet. Dies erfolge durch den Smartphone- oder Tabletgebrauch der Eltern, die als Vorbild fungierten. Nutzten Kinder dadurch ebenfalls von klein auf Smartphones und Co., werde ihre Gehirnentwicklung irreversibel beeinträchtigt. Denn das Gehirn sei vor dem zwölften Lebensjahr in der kognitiven und neuronalen Entwicklung den Anforderungen der digitalen Medien noch nicht gewachsen. Das könne zu Sucht sowie zu Lern- und Verhaltensstörungen führen.

Die dritte neue Sozialisationsbedingung sei die Reduzierung der sinnlichen Erfahrung auf die virtuelle Realität und auf das Wischen und Tippen auf Geräten. Das führe zu einer Entfremdung von der Natur und zur Konditionierung auf Konsum.

Allein diese drei neuen Sozialisationsbedingungen sprächen eigentlich schon dafür, dass Kinder unter zwölf Jahren diese Geräte nicht nutzen sollten, so Hensinger. Jetzt plane die Bundesregierung aber obendrein auch noch mit einem Milliardenaufwand die Umsetzung der „Digitale Bildung“ im Bildungssystem.

Bei dieser digitalen Bildungsreform gehe es nicht darum, dass Jugendliche lernen, mit digitalen Medien und Programmen wie Word, Excel oder Power Point umzugehen, mit dem Computer statistische Berechnungen durchzuführen oder Filme am Rechner zu schneiden, stellte Hensinger klar. Es gehe vielmehr um eine Neuausrichtung des Erziehungswesens an sich – nämlich um die Übernahme der Erziehung durch digitale Medien und zwar bereits ab der Kita. Bei der „Digitalen Bildung“ sollen folglich digitale Medien als Hauptlernmedien eingesetzt werden. Lehrer würden durch autonome Digitaltechnik ersetzt, zu Lernbegleitern degradiert und schließlich wegrationalisiert. „Wie bei Industrie 4.0 Roboter die Produktion selbständig steuern, so sollen bei der ‚Digitalen Bildung‘ Computer und Algorithmen das Erziehungsgeschehen autonom steuern“, sagte Hensinger. Bezahlt werde das alles von den Schülern obendrein mit ihren Daten.

Die Hauptinitiative zur Digitalisierung der Bildung gehe von der Wirtschaft aus. So werde das Bundesministerium für Bildung und Forschung hinsichtlich seiner Pläne zur Digitalisierung der Bildung ausschließlich von Vertretern der IT-Industrie beraten – etwa vom Bitkom, von der Gesellschaft für Informatik, von Microsoft, SAP, der Telekom und dem Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik. Kinderärzte, Pädagogen, Lernpsychologen oder Neurowissenschaftler seien dagegen nicht eingebunden worden. Auch wirtschaftsnahe Institutionen wie die Bertelsmann-Stiftung oder die Telekom-Stiftung engagierten sich sehr im Bereich des digitalen Lehrens und Lernens. Der Vorsitzende der Telekom-Stiftung sei übrigens Stuttgarts Ex-OB Wolfgang Schuster. Er sei damit einer der Hauptlobbyisten für „Digitale Bildung“.

Lernen durch digitale Medien sei eine Entmündigung, ein Milliardengeschäft und nicht zuletzt auch ein Programm zur Einsparung von Lehrern und Erziehern, stellte Hensinger fest. Der Schüler sitze dabei alleine am Tablet-PC, er werde überwacht und gesteuert von Algorithmen. Der Computer gebe die Aufgaben und Übungen vor. Dadurch würden vorprogrammierte Eigenschaften antrainiert. Kreativität und Querdenken entfielen ebenso wie der sozialisierende, gemeinschaftsbildende Klassenverband. Die pädagogische Atmosphäre weiche technischer Kälte, Berechenbarkeit und Konditionierung. Tatsächlich gehe es bei der „Digitalen Bildung“ also um Kontrolle und Steuerung.

Dahinter stecke eine von der Wirtschaft geplante behavioristische Konditionierung der Menschen. Schon 1961 habe die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einem Grundsatzpapier zur PISA-Normierung erklärt, dass das Erziehungswesen in den Komplex der Wirtschaft gehöre und dass es genauso notwendig sei, Menschen für die Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen. Digitale Bildung zielt laut Hensinger ebenso wie die PISA-Tests also auf rein anwendungsorientierte Kompetenzen. Es würden damit vorprogrammierte Eigenschaften antrainiert, die industriellen Verwertungs- und Konsuminteressen nützen.

Die Aufgabe von Schule sei es aber nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern auch Haltung und damit die Fähigkeit, Wissen in eine Werteskala einzuordnen, betonte Hensinger. Ohne diese Fähigkeiten würden Fachidioten, skrupellose Banker, die auf den Hunger wetten, gewissenlose Ingenieure, die Waffensysteme optimieren und Soziologen und Psychologen, die Konditionierungs- und Manipulationssysteme entwerfen, erzeugt.

Hinzu komme, dass digitale Medien Studien zufolge nicht zu besseren Lernerfolgen führen. Vielmehr zeige ihr Einsatz in Schulen deutlich negative Auswirkungen. Belegt worden seien unter anderem Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen, ein höheres Ablenkungspotential, eine deutliche Verstärkung der sozialen Spaltung und die Verschlechterung von Schulleistungen. Selbst in einem OECD-Bericht, der eigentlich den Nutzen der Digitaltechnik hätte belegen sollen, heiße es: „Nachgewiesen ist ein erhöhtes Risiko für die Verzögerung in der Sprach- und Bewegungsentwicklung, für Übergewicht, für Schlafstörungen, für Empathieverlust und für Schulversagen.“ In Australien würden daher Laptops, die erst 2012 für viele Millionen angeschafft worden seien, inzwischen wieder aus den Schulen entfern. Ähnliches passiere in der Türkei, in Südkorea, Thailand und den USA.

In Deutschland hätten 37 Hochschullehrer und Pädagogen daher im vergangenen Herbst eine Petition initiiert, mit der sie sich gegen die Ökonomisierung der Bildung wenden.

Laut Hensinger steckten wir also in einem Dilemma. Denn im Beruf sei die Beherrschung der digitalen Medien inzwischen zwingend notwendig. Die Schule müsse also darauf vorbereiten. Es brauche eine Erziehung zur Medienmündigkeit, das heißt, die Jugendlichen müssen lernen, die Medien zu beherrschen, damit sie nicht von ihnen abhängig werden. Hensinger fordert daher, dass

  1. die Einführung digitaler und kabelloser Medien in Schulen nur dann erfolgen darf, wenn es ein spezielles Datenschutzgesetz für Kinder und Jugendliche gibt und das Vorsorgeprinzip inklusive der daraus folgenden Schutzregelung zur Minimierung der Strahlenbelastung für Kinder angewandt wird,
  2. Kinder und Jugendliche zunächst in der Realität verwurzelt sein müssen, bevor sie der Virtualität ausgesetzt werden,
  3. digitalfreie Oasen geschaffen werden – mindestens bis einschließlich der Grundschule,
  4. digitale Medien in Schulen ab dem zwölften Lebensjahr schrittweise als Hilfsmittel eingeführt werden und die Schüler sowohl ihren Nutzen als auch ihre Risiken kennenlernen,
  5. Bildungspläne erstellt werden, die den Stand der Gehirnforschung und der Lernpsychologie berücksichtigen und die Rechte des Kindes auf natürliche Entwicklung respektieren, und
  6. Lehrer speziell dafür ausgebildet werden.

In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, ob nicht auch ein Mischsystem aus digitaler und analoger Bildung in den Schulen denkbar sei. Hensinger meinte, dass man das durchaus diskutieren könne. Die Voraussetzung dafür sei seiner Ansicht aber, dass sich die Jugendlichen dabei der Risiken absolut bewusst seien. Zu dem Hinweis, dass die Gefahr bestehe, dass durch die „Digitale Bildung“ eine Zweiklassengesellschaft entstehe könne, erklärte Hensinger, dass genau dies bereits in den USA stattfinde. Reiche Amerikaner würden ihre Kinder bereits auf Privatschulen mit realen Lehrern („Face-to-Face-Unterricht“) schicken, während die anderen Kinder immer mehr digital an Rechnern lernen müssten.

Zur Person

Peter Hensinger M. A. studierte Pädagogik, Germanistik und Linguistik. Er war Gruppenleiter in einer psychiatrischen Einrichtung in Stuttgart. Bei der Umwelt- und Verbraucherorganisation diagnose:funk e. V. ist er Leiter des Ressorts „Wissenschaft“. Außerdem ist er aktiv bei SÖS und stellvertretender Kreisvorsitzender im BUND-Kreisverband Stuttgart.

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