Themenabend mit Janka Kluge: „Die Neue Rechte“

Themenabend mit Janka Kluge: „Die Neue Rechte“

Am Donnerstag, dem 9. Februar 2017 fand im SÖS-Treff. für Politik und Kultur im Rahmen der SÖS-Themenreihe „Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?“ der Themenabend mit Janka Kluge: „Die Neue Rechte“ statt.

Vortrag Kluge 5Mit annähernd 50 TeilnehmerInnen während des einstündigen Vortrags mit anschließender reger Frage- und Diskussionsrunde war die Veranstaltung sehr gut besucht und endete gegen 21:45 Uhr.

Aus aktuellem Anlass wurde der Beginn kurzfristig um fünfzehn Minuten auf 19:15 Uhr verlegt. Warum?

Es gab um 18:30 Uhr eine kurzfristig angemeldete Demo vor der Liederhalle gegen die von den Stuttgarter Nachrichten veranstaltete Podiumsdiskussion zum Thema „Terrorismus bekämpfen und Freiheit bewahren“ mit Innenminister Thomas Strobel und dem via Skype zugeschalteten rechtspopulistischen US-Berater von Donald Trump, Dr. Sebastian Gorka. Mit dem späteren Beginn ermöglichten wir  einigen Demonstranten die Teilnahme an Janka Kluges Vortrag. Vor diesem  Hintergrund waren wir mitten im Thema. Denn Gorka kommt aus dem Umfeld des rechtsnationalen Steven Bannon und nutzt unter anderem die offen rassistische Plattform „Breitbart“-News als Kommunikationsmedium, was die Stuttgarter Nachrichten zunächst unerwähnt ließen. Mit sogenannten Fake-News haben diese und andere Medien dazu beigetragen, Donald Trump an die Macht zu verhelfen. Nun haben sie Europa im Visier: insbesondere die anstehenden Wahlen in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Die Demonstranten kritisierten, dass die Stuttgarter Nachrichten unkritisch solchen rassistischen Leuten ein prominentes Podium gewähren.

In einer breitgefächerten Powerpoint-Präsentation erläuterte Janka Kluge zunächst die historischen Grundlagen der „Neuen Rechten“ in Europa, die insbesondere seit Ende der 60er Jahre als rechter Gegenentwurf zur Studentenbewegung entstand, und stellte hierzu verwendete Begrifflichkeiten vor. Vortrag Kluge 4Des Weiteren wurden die Verbindungen zwischen konservativen studentischen Burschenschaften, NPD, AFD, Pegida, dem III. Weg, der zulaufstarken „Identitären Bewegung“ und der „Bürgerinitiative Ein Prozent“ aufgezeigt. Zur „Identitären Bewegung“, die sich selbst als nicht rassistisch bezeichnet, wurden Filmbeiträge abgespielt, um aufzuzeigen, wie sie didaktisch geschickt für ihre Ziele wirbt, die letztendlich doch rassistische Inhalte enthalten.

Die Anwesenden erhielten einen Überblick, wie dicht vernetzt rechte Gruppierungen in Ortsgruppen inzwischen auch in Baden-Württemberg agieren. Es wurde aufgezeigt, mit welchen Strategien sich rechtes Gedankengut in den letzten Jahren verbreiten konnte und den gesellschaftspolitischen Diskurs bestimmt, um in breiter werdenden Gesellschaftsschichten salonfähig und in vielen Ländern an der Wahlurne belohnt zu werden.
In nächster Zeit wird Janka Kluge einen Text als inhaltliche Zusammenfassung ihres Vortrages zusammenstellen, den wir dann hier verlinken.

In der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde wurde deutlich, wie sehr dieses Thema in seiner gesellschaftspolitischen Relevanz als Bedrohung unserer pluralistischen Werteordnung den TeilnehmerInnen „unter den Nägeln brennt“. Einige der Themen mit Bitte um Einschätzung durch die Referentin waren:

  • rechtes Gedankengut in Polizei, Militär, Justiz (auch am Beispiel des NSU-Untersuchungsausschuss BW erläutert)
  • Umgang der Medien mit der Thematik (von Janka Kluge erläutert im Spannungsfeld des Dilemmas: Nichtberichten: als „Lügenpresse“ diffamiert / wenn berichtet: Vorwurf, den Rechten zuviel Plattform zu gewähren und sie „hoch zu pushen“)
  • Frage nach der aktuellen Finanzierung rechter Plattformen und Beteiligung der Wirtschaft (aktuell feststellbar: Unterstützung überwiegend durch mittelständige Unternehmen)
  • potentielle gemeinsame Interessen zwischen Russland und rechten Gruppierungen europaweit (gibt es die und wenn ja, welche könnten es sein?)
  • Welche Strategien und eigene Themen können linke und mittelinks orientierte Bevölkerungsteile gemeinsam einbringen, um rassistischem und diskriminierendem Gedankengut und seiner Ausbreitung das Wasser abzugraben?
  • Diskutiert wurden auch Erfahrungen von politisch Aktiven, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzen, mit telefonischen oder über Netzwerke verbreiteten Gewaltandrohungen und der Umgang damit – die Existenz sogenannter „schwarzer Listen“ mit Personen, die von einigen rechten Gruppen ins Visier genommen werden, wurde grundsätzlich bestätigt

Zum Abschluss berichteten Demoteilnehmer, die am frühen Abend vor der Liederhalle demonstriert hatten, noch kurz von der Kundgebung vor Ort.

Wir danken Janka Kluge sehr herzlich für die Gestaltung dieses hochinformativen und wertvollen Themenabends und freuen uns zukünftig auf gegenseitigen Austausch sowie weitere Veranstaltungen mit ihr.

Zur Person:
Janka Kluge beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Themen rund um Faschismus, Nationalsozialismus, den „Alten Rechten“ und den „Neuen Rechten“. Sie ist langjährige Landessprecherin der Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten VVN-BdA. Auch in dieser Funktion trifft man sie auf zahlreichen Demonstrationen und Veranstaltungen. Janka Kluge ist Redakteurin von zwei Antifa-Zeitungen (der „Antifa“ sowie den „Antifa-Nachrichten“) und schreibt Artikel zum Thema. Sie organisiert Führungen zu „Stuttgart im Nationalsozialismus“ als Mahnung und gegen das Vergessen. Auch hunderte Schülerinnen und Schüler haben an diesen Führungen bereits teilgenommen. Sie moderiert seit etwa 20 Jahren Sendungen im „Freien Radio für Stuttgart“. Sie bietet Kurse an zum Umgang mit rechtem Gedankengut und wie Mensch diesem argumentativ begegnen kann.